3. Oktober 2017

Vorne stehen

Wer vorne steht, ist immer Chef. Nur wer in der Lage ist, vorne zu stehen, kann Chef sein. Wer erst einmal Chef geworden ist, muss vorne stehen bleiben - egal, was passiert. 

Chef zu sein bedeutet:

Türen stets offen zu halten; als erster Antwort zu geben; Verantwortung bedingungslos zu übernehmen; sich im Konfliktfall immer erst vor seine Mitarbeiter zu stellen; in unruhigen Zeiten für alle sichtbar die Ruhe zu bewahren; als erster zu kommen - als letzter zu gehen; Freundlichkeit nicht nur als Herzensgüte zu verstehen, sondern auch als professionelle Haltung an den Tag legen zu können; Probleme bereits zu antizipieren, bevor sie entstehen; Lösungsvorschläge nur dann zu äußern, wenn sie auf Überzeugung beruhen; bei Entscheidungen eine für alle Umstehenden klare Linie zu verfolgen; eigene Fehlurteile laut und deutlich zu benennen und daraus zu lernen; niemals eigene Fehlleistungen anderen Mitarbeitern anzulasten; Flexibilität nicht nur einzufordern, sondern selbst vorzuleben; Personal- und Unternehmensentscheidungen transparent zu machen; keinesfalls zynisch zu agieren (Zynismus ist das größte Gift für die Beziehung zwischen Chefs und Angestellten ohne Führungsverantwortung); sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen; Humor nicht als Waffe, sondern als Kommunikationsmittel einzusetzen; Intuition nicht mit psychologischen Gewissheiten zu verwechseln;

Gespräche in ihrer Relevanz nicht danach zu gewichten, ob sie mit Entscheidungsträgern geführt werden, komplexe Zusammenhänge in schriftlicher wie mündlicher Form nicht in vereinfachter Form anzufordern, sondern der Komplexität des Zusammenhangs mit voller Konzentration zu folgen; schweigen zu können, wenn es notwendig ist; in Momenten, wenn es darum geht, das Unternehmen nach außen zu präsentieren, stets selbst das Heft in die Hand zu nehmen; eine robuste Rhetorik zu pflegen; das Tagesgeschehen und die Weltlage im Blick zu haben (kein Chef ohne Zeitungsabo); Details nicht zu vernachlässigen; Intellekt und Intelligenz nicht zu verwechseln; Respekt einzufordern, aber auch stets gegenüber anderen zu wahren; sich der eigenen (Pole-)Position stets bewusst zu sein.

Wer will noch Chef sein?


Die immer wieder vollmundig als Fortschritt im Kampf gegen die Unterdrückung der Kleinen durch die Großen ins Feld geführten flachen Hierarchien sind in Wahrheit keine erkämpfte Errungenschaft der Gegenwart, sondern eine notwendige Reaktion darauf, dass ein Markt, der nach flexiblen Arbeitern verlangt, eben aus pragmatischen Gründen immer weniger Menschen ausbildet (im Herzen wie im Kopf), die bereit sind, vollständig und nach Leibeskräften Verantwortung zu übernehmen. 

Das hat einen Grund: Bevor es schwer wird, bevor Köpfe rollen oder Menschen entlassen werden müssen, kann es ja für die Vorgesetzten inzwischen auch problemlos woanders weitergehen. Gipfel gibt es ja genügend, um sie zu besteigen.