26. Juli 2017

Zwei Arten: Spaziergänger

Ich habe mich vor einiger Zeit dafür entschieden, bewusst darauf zu achten, wie die Menschen gehen, um ihnen, wenn sie aus Hetze, Unbedarftheit oder Böswilligkeit auf mich zulaufen, als hätten sie mich nicht gesehen, ohne Anstrengung ausweichen zu können. 

Manchmal treffe ich jemanden, der es ähnlich macht wie ich. Aber das ist selten. 

23. Juli 2017

Auschwitz gesehen

Vor vielen Jahren habe ich als Grundschüler Auschwitz gesehen. Diese Erfahrung hat mich sehr geprägt. Erst heute habe ich verstanden, dass es eigentlich unmöglich ist, das Lager wieder zu verlassen, wenn man es erst einmal betreten hat.



Das Erschreckendste ist die Friedlichkeit, die absolute Ruhe, die sich über das Gelände wie Morgentau auf Gras gelegt hat. Die Natur hat Birkenau, hat Auschwitz zurückerobert. Natürlich war mir das Endzeitlager auch als Pimpf schon ein abstrakter Begriff. In Klassenzimmer hatten wir darüber gesprochen, Anne Frank behandelt und auch "Schindlers Liste" gesehen. Ich kann mich noch gut erinnern, dass die klagenden Violinenklänge, die John Williams für den Spielberg-Film komponiert hatte, sofort in meine Gedanken sprangen, als ich über die sorgsam für den Publikumsbesuch hergerichteten Pfade in Auschwitz schlich. 

Auch die eine Szene, als die gefangenen Juden in einer schneeverhangenen Winternacht in der Hölle ankamen und mit dem Zug durch die von Aussichtstürmen bewachten Tore fuhren, war mir sofort präsent. Kritiker echauffierten sich damals, dass der amerikanische Popcorn-Regisseur hier ein geschmackloses und auf absurde Weise romantisch verzerrtes Auschwitz zeigte. Ja, das auch. 

Denn gegen die Bilder, die sich festgesetzt haben, muss man ankämpfen. Manchmal zieht man auch mit der Verklärung gegen den Horror in die Schlacht, ordnet einen Albtraum, der mit Worten nicht beschrieben werden kann. 

Gerade erst lief im Fernsehen die Dokumentation "Night Will Fall", die von einem Film-Projekt erzählt, das direkt nach der Befreiung des Lagers von Großbritannien und den USA in Auftrag gegeben wurde. Das Grauen sollte, so gut es ging, dokumentiert werden. Selbst Alfred Hitchcock, damals schon berühmt, wurde engagiert, um den Bildern des Todes eine Form zu geben. Doch der  Lehrfilm für das nach dem Ende des Krieges "aufgewachte" Deutschland wurde alsbald ins Archiv verbannt. Zu wenig versprach man sich davon, die Deutschen mit ihrer Schuld zu konfrontieren - gerade auch deswegen, weil mit der Sowjetunion längst ein neuer Feind bekämpft werden musste. 

Es ist erschütternd, all die Leichen zu sehen. Wie sie fortgeschafft werden. Wie sie verscharrt werden. Zu viele, um sie nicht wie Puppen, wie Abfall zu behandeln. Doch diese Toten waren gerade nicht jene, die in den Verbrennungsöfen qualvoll ersticken mussten und dann verbrannt wurden, wie Claude Lanzmann immer  wieder betonte. Mit seinem monumentalen Nicht-Film "Shoah", fälschlicherweise oft als Dokumentation verstanden, hatte er gerade davon Zeugnis abgelegt, dass es sich bei den in den Konzentrationslagern getöteten Juden um Opfer handelte, die mit den Mitteln des Films nicht dargestellt, ja eigentlich mit keinem Mittel der Kunst oder der Geschichtsschreibung gezeigt werden können. 

So sehr wie sie von den Nazis zu namenlosem, identitätslosem Fleisch verdammt wurden und so auch gewissenlos aus der Welt geschafft werden konnten, ist es nicht mehr möglich, sie nachträglich in ihr Recht zu setzen, sie mittels der Bilder eines gütigen Kameraauges retrospektiv vor dem Verbrechen zu bewahren. Man begreift diese Vorstellung nicht, wenn man nicht in Auschwitz war. Man glaubt, dass es so etwas wie ein  kathartisches Gedenken gibt, das die Schuld aus der Welt schafft oder doch wenigstens Versöhnung zulässt.

Noch einmal Claude Lanzmann: Zum Start von "Schindlers Liste", den der Franzose ein Leben lang mit Verachtung belegte, sagte er, der Film handle vom Überleben, wo doch vom Tod die Rede sein müsste. Spielberg entgegnete ihm seinerzeit, dass die jüdische Kultur doch Hitler überlebt hätte, dass es doch existiere.

Wer Birkenau verwundet überstanden hat, der Melancholie der Ruine verwundert entkommen durfte, sieht sich im Lager Auschwitz einem Museum ausgesetzt, das von außen Harmlosigkeit ausstrahlt. Oft wurde der Vorwurf laut, dass die Musealisierung des Völkermords keinen Zugang gewährt zum Inneren des Schreckens. Aber das Gegenteil ist der Fall. 

Ich habe es gar nicht erst bis in die dunklen Gaskammern geschafft. 

Ich mochte diese Nicht-Orte gar nicht erst betreten, denn sie existierten nur für die Menschen, die sie nicht mehr verlassen konnten. Nur für sie waren sie für einen Moment Realität. Für uns Nachgeborene, Erinnernde, sind es Mahnmale. Aber es braucht nicht diese verätzten Gemäuer, um den Holocaust (schon das ein Wort, das der gespenstischen Vernichtungsideologie einen Sinn abzutrotzen versucht, ihn "real" machen will, obwohl genau das nicht möglich ist) greifbar zu machen. 

Besucht man die Museumsstätte in Auschwitz, sieht man hinter Vitrinen Unmengen von Pässen, Listen, Urkunden, Brillen, Münzen, Prothesen, Gebissen, Pfeifen, Taschentüchern, Uhren, vor allem Fotografien und büschelweise Haare. Diese Menschen, deren leblose Körper wir nie sehen konnten, weil sie ausradiert und verbrannt wurden, mussten ertragen, wie all ihr Hab und Gut entnommen, genaustens katalogisiert und eingezogen wurde. Vielleicht ist die versuchte Vernichtung der Juden der destruktive Höhepunkt der Bürokratisierung, der verwalteten Tötung von Menschen. Der tragisch-schwarze Gipfelpunkt der Industrialisierung, die zum Zwecke der Ausbeutung Menschen "auspresste", sie als lebende Forschungsobjekte missbrauchte, als Arbeitskräfte bis zum Rand der Erschöpfung benutzte, um aus ihnen den maximalen Ertrag menschlicher Produktionskraft heraus zu drücken. 

Das ist eine Lektion, die ich nicht tränenden Auges, sondern bleischweren Magens gelernt habe. Unsere Lehrer versuchten uns Kinder, die von den ungeordneten Eindrücken überfordert waren, mit Worten entgegenzutreten. Auch mit Spielen, so harmlos es klingt, damit das Unaussprechliche auf andere Art und Weise zum Ausdruck kam. Wir versammelten uns auf Stühlen und bekamen die Aufgabe, wie Statuen zu posieren, denen das Entsetzen, die Trauer, auch die Hilflosigkeit in den Körper eingeschrieben ist. Für Sekunden regungslos dasitzen. Das Nichts zulassen, das uns angeblickt hatte - uns unschuldige Kinder. 

Ich weinte irgendwann, weil es nicht mehr anders ging. Doch es war eine Traurigkeit, die von jenen Geigen dirigiert wurde, die in "Schindlers Liste" das Leid illustrieren. Die Wahrheit, der ich in Auschwitz begegnete, war aber nicht zu betrauern. Diese Wahrheit hatte etwas Steinernes, etwas Regungsloses. Worte drücken Bewegung aus. Sie bringen Laute zum Schwingen, sie ergeben als aneinander gekoppelte Laute Sinn.

Auschwitz bedeutet Schweigen. Die größtmögliche Abwesenheit von Sprache, Sinn und Veränderlichkeit. 

Die Nationalsozialisten wussten, was sie taten, als sie ihre Lager noch vor der Befreiung durch die Alliierten in Schutt und Asche legen wollten. Niemand sollte erfahren, was sich hinter den Stacheldrähten und Baracken befand und wie sich der Tod durch die Schlote zwängte. Es gelang den Schlächtern nicht, weil sie von ihrem Protokollwahn besessen waren; einer obszönen Bürokratie, die es notwendig machte, über das Töten minutiös Bericht abzulegen. Zugleich hinterließen sie aber einen Flecken Erde, der niemals mehr vergehen wird, der trotz jeder Veränderung, die von der Natur nun einmal vorgesehen ist, bleibt. 

Wer einmal in Auschwitz gewesen ist, versteht diese Ewigkeit, die weder mit dem Kopf noch mit dem Herzen erfasst werden kann. Wer einmal in Auschwitz gewesen ist, verlässt es nicht mehr.

14. Juli 2017

David Lynch von A-Z: Nicht zu Ende geboren

Eine der vielen (vielleicht hilflosen, auf jeden Fall aber kreativen) Interpretationskrücken, mit der man Lynch beizukommen versuchte, ist die des „nicht zu Ende geborenen Mannes“, den der Regisseur laut dem Filmkritiker Georg Seeßlen in fast all seinen Filmen symbolisch und zugleich überkonkret inszeniert.

Angst vor dem Erwachsenwerden


Natürlich scheint hier „Eraserhead“ am Hintergrund auf, das symbolische Ur-Ei in „Lynchville“. Hier hat der Protagonist mit einem schockierenden, kreischenden, röchelnden, wurmähnlichen Wesen zu kämpfen, dessen Vater er angeblich sein soll. Aber auch der „Elefantenmensch“, der als menschliche Ungestalt auf die Welt kommt, folgt diesem theoretischen Konzept geradezu unheimlich konsequent. 

Doch der psychoanalytische Ansatz, der auch schon für Lynchs erste bedrückende Kurzfilme wie „The Grandmother“ fruchtbar gemacht werden kann, reicht noch wesentlich weiter, denn im Grunde geht es bei Lynch fast immer um junge Männer, die nach einer Erklärung für ihre Schmerzen, ihre eigenartige Verstocktheit und ihre Fremdheit fahnden – und dann meist in einen düsteren Joyride verwickelt werden.

Dabei steht die Angst vor der eigenen Sexualität (das größte Geheimnis im Lynch-Kosmos) stets  auch wie die Enttäuschung durch Mütter und Frauen, die den einsamen Mann verlassen oder hintergehen, im Zentrum.

Lynchs Filme spielen mit dem psychoanalytischen Zugang (so wie es einst auch Hitchcock tat), in dem wesentliche Versatzstücke z.B. der Traumdeutung, aber auch Stereotypen der filmischen Psychologisierung (die kühle Blonde, der unsichere Jüngling, die Femme Fatale, der Doppelgänger) potenziert und zum Teil sogar mit parodistischen Mitteln inszeniert werden.

Interpretationsfalle Psychoanalyse


Damit machen sie es dem Zuschauer eigentlich leicht, Sinn hinter den scheinbar sinnlosen Bildern zu finden. Doch der psychoanalytische Querbezug könnte – genauso wie es in den Erzählungen Kafkas der Fall ist und wie es sich bei den großen Surrealisten von Breton über Bunuel bis Dali präsentiert – eine geschickte Interpretations-Falle sein.

13. Juli 2017

In der Waagschale

Sinn: Geben und Nehmen, exakt im Verhältnis 50:50.

12. Juli 2017

10. Juli 2017

Smartphonezombies

Wer auf sein Smartphone starrt, enterotisiert sich. Ein angestrengter Blick auf einen flimmernden Bildschirm, dem von außen zunächst kein Sinn zugeordnet werden kann, kennt keinen Charme, macht nicht neugierig, er hat nicht einmal etwas Vergeistigtes. Er bleibt stets ein zweckfreies Starren. 



Immerhin ist der Blick auf andere Geräte in der Regel mit Arbeit oder einem zielgerichteten Vergnügen verbunden, sei es nun ein Computer, ein Fernseher, ein Laptop oder sogar ein Tablet. Auch wer telefoniert, vermittelt anderen Menschen, dass er etwas tut, das nur ihn und denjenigen angeht, der an der anderen Seite der Strippe hängt. 

Doch das Smartphone bildet hier eine Ausnahme, mobilisiert es doch Sehnsüchte, Kommunikation, Informationsbedürfnis und was auch immer die Apps hergeben auf den schnellen, akkuzerrenden Hingucker zwischendurch. Der Handynutzer ist nur und ausschließlich mit sich selbst beschäftigt - selbst wenn er über SMS, WhatsApp, Facebook oder andere Diensten mit anderen Menschen kommuniziert. 

Doch alles, was zwischendurch mit einem Gerät geschieht, was in der Öffentlichkeit oder zuhause sich lediglich auf einem Bildschirm ereignet, dessen Inhalt sonst niemand sieht, ist schlicht unattraktiv. 

Jeder Blick auf ein Smartphone entzieht seinem Nutzer das Potential, auf andere Menschen auf welche Art auch immer zu wirken. Der Kalauer über die zunehmende Schar an „Smartphonezombies“ ist gar nicht witzig, sondern eine präzise Zustandsbeschreibung. Es spielt noch nicht einmal eine Rolle, was sich auf dem Handy wirklich abspielt, also wie es genutzt wird.



Die Gefahr droht gar nicht einmal nur jenen, die andere (fremde) Menschen vielleicht gerne auf sich aufmerksam machen würden und durch den Blick auf das Smartphone in der Öffentlichkeit zum Profilbild ihrer selbst verkommen. Vielmehr bedroht die freiwillige Enterotisierung nach täglich stundenlanger Smartphone-Session ohne Sinn und Verstand vor allem das, was zwischen zwei Menschen sein könnte, die Bett und Leben teilen. 


6. Juli 2017

Einsicht

Die schmale Glücksperspektive des Melancholikers ist die Fähigkeit zur Einsicht. Unglück erwächst allerdings aus der Suche nach dem, was solche Einsicht bewirken kann.

5. Juli 2017

David Lynch von A-Z: Metamorphosen

David Lynch hat sich schon vor vielen Jahren die Filmrechte für „Die Verwandlung“ von Franz Kafka gesichert. Höchstwahrscheinlich wird es nie zu einer filmischen Realisation dieses einzigartigen literarischen Stoffes kommen – weil der Regisseur Kafka wirklich verehrt („Der eine Künstler, bei dem ich wirklich das Gefühl habe, er könnte mein Bruder sein“) und weil er wohl nicht so naiv wäre, die gewaltigen Assoziationen, die der Autor in seinen Texten weckt, mit seinen eigenen kühnen Bildvisionen zu verrechnen. 



Aber „Die Verwandlung“ passt auch deshalb, weil Lynch in all seinen Filmen Metamorphosen in den unterschiedlichsten Ausformungen zeigt. Seine Figuren puppen und enthäuten sich, verwandeln sich vom spießigen Familienvater in ein mordendes Monstrum, von der Blondine zur Brünetten (und umgekehrt) oder von einem Saxophonisten in einen Mechaniker. 

Dabei verfolgt der Regisseur streng das geheime Programm der Surrealisten (ohne sich freilich selbst je öffentlich dazu bekannt zu haben, einer von ihnen zu sein), wonach es schön ist, wenn sich eine Nähmaschine mit einem Regenschirm auf einem Seziertisch begegnet.

4. Juli 2017

Qual, ja!

Wir werden nie wissen, wie es ist, eine Fledermaus zu sein.