27. Juni 2017

David Lynch von A-Z: Labyrinth

Worin besteht das Vergnügen, sich in einem künstlich angelegten Garten zu verirren, der möglicherweise viele oder gar keine Ausgänge hat? David Lynch ist der Großmeister der filmischen Labyrinthe. Seine Erzählungen sind verschachtelt („Mulholland Drive“), kennen unendlich viele Plot Points („Twin Peaks“), führen die eigenen Hauptfiguren in die Irre („Lost Highway“) und in einen undurchsichtigen Zitate-Dschungel der Popkultur („Wild At Heart“) oder des eigenen Werks („Inland Empire“). 



Damit kommt David Lynch die Rolle eines prophetischen Künstlers zu, der mit den Mitteln des postmodernen Kinos die Komplexität einer Welt beschreibt, die ihren eigenen Diskursen nicht mehr entkommen kann („Das ist eine Schlangenlederjacke. Sie ist ein Symbol meiner Individualität und meines Glaubens an die persönliche Freiheit“, Sailor in „Wild At Heart“). 

Man kann sich in diesen kunstvollen Labyrinthen, die nicht selten einer gewissen Traumlogik folgen, mit wohligem Schauer verlieren. Man kann sie aber auch fürchten, weil sie in ihrer Konstruktion hyperrealer Tableaus keine (moralischen) Auswege zulassen. 

Alles scheint hier Pose, Rätsel, endlos geflochtenes Band. 

Als Lynch 1990 bei den Filmfestspielen in Cannes die Goldene Palme gewann, warf man dem Regisseur Zynismus und ein vollständig leeres Programm vor. Die Kunstfertigkeit des Amerikaners besteht aber darin, die Zeichen der Zeit zu lesen – und sie mit der Sprache des Films in Flammen aufgehen zu lassen.

18. Juni 2017

Der väterliche Freund

Es gibt im Leben eines heranwachsenden Menschen irgendwann einen Punkt, da reichen die eigenen Erlebnisse und Geistesanstrengungen nicht mehr aus, um ein oder mehrere Probleme zu bewältigen.

Eine eigentlich fürs Leben geschlossene Beziehung zerbricht. Die eigenen Eltern wenden sich pikiert oder einfach desinteressiert ab. Das Studium findet kein gescheites Ende. Der Weg zur anständig bezahlten Arbeit, von Traumjob ist gar nicht zu sprechen, erfüllt sich nicht. Die Zahl der möglichen Schwierigkeiten ist Legion.
Es liegt in der Natur der Sache, dass die Menschen, die einem am nächsten stehen, in solchen Problemlagen nicht immer die richtigen Ratgeber sind. Zu sehr mischen sich in ihr Urteil zum Teil unrealistische Erwartungen (Familie), Verblendungen (enge Freunde) oder  sogar Abhängigkeit (Partner). Sollten sich die Schwierigkeiten dann noch mit den Lebenslinien der Liebsten ungünstig verbinden, werden aus Anregungen schnell Drohungen.

In solchen Fällen ist oftmals der väterliche Freund ein Leuchtturm, der mit seiner Lebenserfahrung und unvoreingenommener Güte einen neuen Weg zu zeigen in der Lage ist.

Was ist ein väterlicher Freund? 


Meist handelt es sich um einen wesentlich älteren Menschen, der in sehr vielen Fällen als Vorbild für einen jüngeren auftritt. Manchmal dient er als Projektionsfläche für die eigenen Berufs- oder Lebenswünsche. Er unterscheidet sich oft vom eigenen Vater, weil er eine andere Lebenseinstellung besitzt. Außerdem ist seine Autorität von anderen Voraussetzungen geprägt. Findet man einen solchen Menschen, entwickelt sich so oftmals ein Meister-Schüler-Verhältnis, das allerdings durchaus etwas von dem Druck befreit ist, dass einer lehren und der andere lernen muss. Ab und zu, aber nicht allzu häufig, bildet sich deshalb tatsächlich zwischen (ehemaligen) Pennälern und ihren Pädagogen eine solche innige Vertrauensbasis heraus.

Voraussetzung für eine solche Freundschaft ist, dass der väterliche Freund keinesfalls überlegen auftritt. Er sucht stattdessen im und mit dem anderen selbst neue Erfahrungen, spiegelt mit ihm vielleicht seine eigene Situation, in der er sich einmal als junger Mann befand. So tritt der väterliche Freund als ein kompetenter Ratgeber auf, stets bereit zu helfender Anteilnahme - ohne Herablassung, frei von Zwängen. Krumm lässt sich diese Beziehung vergleichen mit dem albernen Witzerzähler, der seinen idealen, stets breit lachenden Zuhörer gefunden hat. 

Vielleicht lässt sich die Bindewirkung aber auch seriöser mit Balzac erklären, der einer gelingenden Freundschaft scharfsinnig unterstellte, sie wirke vor allem deshalb so nachhaltig, weil sich jeder der beiden dem anderen gegenüber leicht im Vorteil sieht. So kokettiert hier der eine mit der Süße der Jugend und der andere mit der Weitsicht des Alters. 

In glücklichen Fällen öffnet ein solcher väterlicher Freund die Türen seines Heims, um den Freund mit jenen lukullischen und materialistischen Kostbarkeiten des Lebens zu verwöhnen, die dieser selbst noch nicht kennen oder gar anschaffen kann. Zusammen tafelt man von Porzellantellern, trinkt guten Rotwein oder schaut Filme aus einer längst vergangenen Zeit.

Für den jungen Freund bietet sich eine vorurteilsfreie Erweiterung seines Horizonts. Der ältere erhält indes die nicht selten einmalige Chance, seine längst zu Gewissheiten verformten Gedankengänge einer vitalen Prüfung zu unterziehen. So lässt sich voller Zuneigung für die Werte und den Glauben des anderen über Gott und die Welt, Kierkegaard oder Lubitsch, die Wonnen des Alleinseins oder die Vorzüge der Frauen sprechen.

Die Hierarchie bleibt bestehen


Solche Verhältnisse sind für gewöhnlich nicht ganz so eng wie Freundschaften auf Altersaugenhöhe. Die Verbindung bleibt geprägt von der psychischen Dynamik der Rangfolge, die sich durch Alter und sozialen Stand manifestiert hat und die beide trotz aller Sympathie trennt. Dennoch ist ein tragfähiger Dialog zweier solcher Menschen, die recht oft durch Zufall zueinander finden, ein wenig so, wie Aristoteles es sagte, nämlich derart, als würde sich hier eine Seele in zwei Körpern begegnen.

Entwickeln können sich solche Freundschaften, die einer Norm niemals entsprechen werden, allerdings nur, wenn beide Seiten sich öffnen für das Sosein des anderen. Diese Form der Freundschaft beruht auf Toleranz und ein Stück weit auch auf einer Sorge um das eigene Selbst. Sie schließt mit ein, dass nicht ganz so gewöhnliche Hilfe auch gesucht wird. (Denn nicht jeder lässt sich gerne helfen; der Stolz verbietet es einigen.) Sie verlangt das blinde Vertrauen zwischen einem freigeistigen Menschen, der bedingungslos lernen möchte und einem reifen, der zu lehren wirklich bereit ist. Kurz: Eine Frage des gegenseitigen, großzügigen Respekts.

Natürlich tritt ein solcher Mensch nicht immer nur in Zeiten der Jugend ins Leben. Eine solche Beziehung lässt sich auch im höheren Alter denken, wenn der Gesprächspartner vielleicht schon ein Greis ist und die letzten Funken seiner Weisheit gerne zu teilen bereit ist.

Überhaupt geht es hier um einen geradezu karitativen Prozess des Schenkens von Erfahrungen und Lebensgütern. 

Manchmal ergeben sich so sogar finanzielle Unterstützungen, die allerdings auch auf der nicht immer von ökonomischen Interessen befreiten Überzeugung beruhen, dass es sich lohnt, in einen (geliebten) Menschen zu investieren, damit er sich daraufhin weiterentwickelt.

 Meister und Schüler


Diese Form der Kameradschaft ist oftmals eine auf Zeit, weil ihre Asymmetrie zu deutlich bleibt und auch nicht aufgelöst werden kann. Auch in der Halbwertzeit gleicht sie deshalb einer Meister-Schüler-Korrelation, in der sich einer hingibt, um seine Gedanken und Gefühle in einem anderen zum Blühen zu bringen - und ihn so zu stützen auf schwankendem Grund -, und in dem sich der nun Beschenkte bedingungslos dem Neuen unterwirft und so selbst einmal die Grundlage für die eigene wachsende Persönlichkeitsreifung legt, um später einmal als Lehrer für einen anderen Zögling zu wirken.
Insofern verändert und vertieft der väterliche Freund in einem Menschen, der Hilfe gleich welcher Art sucht, das Vertrauen in die Bedeutung, Größe und vor allem Notwendigkeit echter Freundschaft. Diese beschränkt sich nicht auf Selbstbestätigung, sondern auf die Erweiterung und Vertiefung von Erfahrung.

(In Erinnerung an TT.)

15. Juni 2017

David Lynch von A-Z: Kult

„Eraserhead“ begründete mit Filmen wie „El Topo“ von Alejandro Jodorwosky, „Pink Flamingos“ von John Waters und „The Rocky Horror Picture Show“ von Jim Sharman (allesamt Filme, die einer ähnlichen, längst verblühten Geisteshaltung entsprangen) in den 1970ern das Mitternachtskino in den USA mit. Fünf Jahre hatte Lynch an dem verqueren Un-Werk gedreht, sogar auf dem Set geschlafen, um den Film fertig zu bekommen.


Seitdem ist Lynch einer der innovativsten Bildkünstler der Gegenwart, konnte sich Millionen-Flops wie „Der Wüstenplanet“ leisten, ohne dass sein Name Schaden nahm. Spätestens mit „Blue Velvet“, vor allem aber auch mit der weltweit von Fans verehrten und diskutierten Serie „Twin Peaks“, die er zusammen mit Mark Frost initiierte (Quality-TV, noch bevor der Begriff durch die „Sopranos“, „The Wire“ und „Mad Men“ zur Standardfloskel verkam, und nun mit „Twin Peaks: The Return“ noch einmal auf dem Weg, die Möglichkeiten des Fernseherzählens für immer zu verändern), wurde Lynch Kult. Von Cineasten verehrt, von Kritikern nicht immer geliebt, vom durchschnittlichen Kinogänger aber stets mit einer hochgezogenen Augenbraue betrachtet.


David Lynchs Interviews sind eine Kunst für sich


Dabei spielt auch Lynchs geschickte Selbstvermarktung eine Rolle. Die auffällige Physiognomie des Regisseurs, gepaart mit seiner ikonischen Frisur, dürfte heute genauso bekannt sein wie einst die Silhouette von Hitchcock, die zum cineastischen Gütesiegel wurde. Zudem gelingt es dem Universalkünstler, mit unzähligen Interviews (schön und erhellend in „Lynch über Lynch“ – im Gespräch mit Chris Rodley) zugleich Spuren ins Sinnzentrum seiner Kunst zu legen und sie mit der geschickten Verweigerung von Erkläransätzen wieder zu verwischen.

Auch seine Website, über die der Filmemacher gegen eine Abo-Gebühr kleine abstrakte Filmhäppchen reicht, den Wetterbericht in Los Angeles präsentiert und Kaffee verkauft, gehört zur Marke Lynch dazu. Natürlich fordert dies längst auch zu unzähligen, größtenteils liebevollen Parodien im Netz auf.

13. Juni 2017

11. Juni 2017

Straßenungetüme

Eine Welt, in der immer mehr Menschen Autos (möglicherweise sogar für immer weniger Geld) kaufen und trotzdem die Umwelt vor Schadstoffbelastung zunehmend geschont werden kann, wird es nie geben.

Es ist erschreckend, wie sich die notorisch von ihrem schlechten Gewissen geplagten Menschen gerade von der Autoindustrie hinters Licht führen lassen. Kein Entwurf für ein konkurrenzfähiges Elektroauto dürfte auch nur ansatzweise den gerne abgenickten und glänzend bedienten SUV-Boom stoppen, der fast allen größeren Unternehmen allerdings die Umweltbilanz verhagelt.


 
Das macht ja nichts, denn BMW, Mercedes, Kia und Co. verdienen prächtig an diesen Straßenmonstern, die ihren Fahrern das Gefühl geben, selbst beim Familienausflug in einem Panzer durch die Landen zu röhren. Wehe, ein Radler stellt sich ihm in den Weg. Selbst ein Kleinwagen dürfte bei einem Unfall mit einem derartigen Sprit fressenden Ungetüm nicht einmal einen Kratzer an dem Gefährt hinterlassen. Im Durchschnitt stoßen SUVs auf einem Kilometer 132,5 Gramm CO2 aus. Bei Geländewagen sind es sogar 162,8 Gramm. Leicht fällt der Vergleich: Kompaktkarossen stoßen inzwischen lediglich noch 116,7 Gramm CO2 pro Kilometer aus.

Es ist gerade das gut situierte, finanzstarke Bürgertum, das sich diese Asphaltschiffe leistet - obwohl es schon lange kein Problem mehr hat, bei den Grünen das Kreuzchen zu machen und vorwiegend „Bio“ einkauft, um angeblich der Umwelt etwas Gutes zu tun. 

Die Gesellschaftswissenschaftler Ulrich Brand und Markus Wissen erkennen in ihrem Buch „Zur Ausbeutung von Mensch und Natur in Zeiten des globalen Kapitalismus“ im SUV ein Symbol für eine neue imperiale Lebensweise, in der sich die Menschen in den wirtschaftsstarken Regionen der Erde eingerichtet haben. Auch wenn man um Chancenungleichheiten und Gefährdungspotentiale weiß: Der Komfort soll möglichst nicht kleiner werden und Probleme der Gegenwart dürfen gerne mit heilsbringenden Zukunftstechniken verrechnet werden. Nachhaltigkeit ist nur ein Konzept, keine Praxis.

Trotz all der vermeintlich liberalen Bekenntnisse zu Umweltschutz und Ressourcenschonung machen gerade jene, die mit ihrem Geldbeutel für einen Umschwung sorgen könnten, das Gegenteil. Sie haben ihre Gründe dafür. Waren früher dominante PS ein Ausdruck von Freiheit, sind sie in einer sich stetig wandelnden Welt inklusive Stahl und Schnickschnack zur Währung für absolute Sicherheit auf der Straße geworden.

Überall wo absolute Sicherheit draufsteht, steckt allerdings Selbstbetrug drin.

9. Juni 2017

Gedöns

Ich befasse mich nicht damit, zu sagen, was man in der Welt tun soll, es befassen sich andere genug damit, sondern was ich darin tue.
Michel De Montaigne

7. Juni 2017

David Lynch von A-Z: Joyride

David Lynchs Filme sind Trips in eine andere Welt, die von Gesetzen gesteuert werden, die eben nur dort – in „Lynchland“ – gelten. 

Jünglinge wie Jeffrey Beaumont in „Blue Velvet“ oder Paul Atreides in „Der Wüstenplanet“ (ironischerweise beide von Kyle Maclachlan als eine Art alter ego des Regisseurs angelegt) legen ihre Scheu ab und bahnen sich den Weg zu einem für sie zuvor kaum vorstellbaren Geheimnis, das ihr Leben für immer verändert. Ein Pärchen flüchtet quer durch die halbe USA vor einer wildgewordenen Mutter/Hexe, die eine Handvoll Killer auf sie angesetzt hat. Ein Mann verliert seinen Verstand und erlebt sich plötzlich in einer völlig anderen Realität. 


 
Das Bild bleibt die Straße im Dunkeln, die sich ewig dehnt. 

Lynchs Filme sind Joyrides, für seine Figuren, die wie Henry Spencer permanent im Urlaub oder irgendwie nicht beschäftigt sind, stetig vor neuen Initiationen stehen und mit (ihren) Dämonen zu kämpfen haben. 

– Aber es sind auch Joyrides für den Zuschauer, der in der unheimlich verzerrten Filmwelt Wahrheiten entdeckt, die das konventionelle Erzählkino, an Genregrenzen gekettet, längst nicht mehr auszusprechen in der Lage ist. Subversives Geisterbahn-Kino.

1. Juni 2017

Postmoderne Individualität


  • Phlegmatisch-schwaches Selbstbild 
  • Unsicherheit über die eigene Identität und Vergangenheit
  • Last des Zuviel-Wissens
  • Verlust des Vertrauens in die Welt und die Idee verbindlicher Wahrheiten.