30. Mai 2017

David Lynch von A-Z: Inspiration

Lynchs filmische Methode könnte man noch am ehesten mit der écriture automatique der Surrealisten beschreiben. In unzähligen Interviews hat der Filmemacher beschrieben, dass er kaum eine nachvollziehbare Methode habe, zu seinen Erzählungen vorzudringen. Sie seien einfach da, wie Bilder vor den Augen, wenn man sich in einen Sessel setzt und seinen Tagträumen hinterher schaut.

Lynchesk

 
So hinterlassen seine Filme bei den Zuschauern auch den Eindruck, sie seien originell, könnten in der Form nur von Lynch und von sonst niemandem stammen. In diesem Zusammenhang spricht man deshalb auch von 'lynchesk' oder 'lynchig' (die Verwandtschaft mit dem Begriff des Kafkaesken ist durchaus kein Zufall, Lynch fühlt sich nach eigenen Angaben dem Prager Schriftsteller seelenverwandt) – als würde es ein spezielles Gefühl geben, das Lynchs Kinofilme, seine Musik, seine Bilder sofort auslösten. 


 
Dabei ist der Universalkünstler ein aufmerksamer Beobachter der Künste. Seine Filme beziehen ihre Inspiration aber eher aus dem europäischen Kino (die absurde Komik von Jacques Tati, der tiefe Einblick in die weibliche Seele von Bergman, die Bilderlust von Federico Fellini), der Fotografie, der Musik und aus dem gesteigerten Interesse für Strukturen und Texturen (Körper, Haut, Maschinen!). Seiner Faszination für Fabriken verlieh der Künstler mit einer eigenen Bilderserie Ausdruck („David Lynch: The Factory Photographs“). 

Hinzu kommen Stoffe, die der Regisseur wie ein nimmermüder Liebhaber umkreist: Der Zauberer von Oz, Lolita, die großen Königinnen und Könige der Populärkultur (Marylin und Elvis) und ein Amerika, das seine Abgründe hinter einer nur an der Oberfläche unschuldigen Fassade verbirgt.

25. Mai 2017

Zwei Arten: Sprung ins kalte Wasser

Von einem bestimmten Standpunkt aus betrachtet gibt es eigentlich nur zwei Arten von Menschen: Jene, die mit einem Kopfsprung ins kalte Wasser hechten und solche, die sich das nie trauen werden. 

Die Kopfvoranstürmer haben diesen Weg ins kühle Nass meist schon in sehr jungen Jahren gelernt. Sie würden gar nicht mehr auf die Idee kommen, sich burschikos in den Teich fallen zu lassen. Selbst wenn das Becken nur Zwergengröße hat: Der Kopfsprung symbolisiert Selbstvertrauen und Anmut. Als er erst einmal gelungen war, stellte das dunkle Blau keine Gefahr mehr dar. Und wer so ins feuchte Element gleitet, fürchtet sich auch nicht vor den Petitessen des Alltags. 



Die Hineinplumpser hingegen sind alles andere als Wasserratten. Sie schwimmen, ja. Aber sie müssen dafür nicht planschen und wie wild spritzen, wie es meist die Kopfschwinger tun. Sie springen nicht, weil sie Angst davor haben - oder weil sie es lächerlich finden, so ihren Weg ins Wasser zu finden. Stattdessen ziehen sie still ihre Bahnen, wie es ihnen gefällt. Manche haben es einmal probiert, mit dem Kopf voraus in den Pool zu springen. Doch meistens blieb es bei einem furchtbaren Klatsch auf den Bauch.

23. Mai 2017

David Lynch von A-Z: Hölle

Nimmt man das melancholisch-stille Road-Movie „Straight Story“ einmal aus, so lässt Lynch seine Figuren in eigentlich allen Filmen unaufhaltbar in die Hölle fahren. Wobei die Bewegung, die Fahrt, der Prozess des (vor sich hin) Treibens eine große Rolle spielt.

Auch wenn Henry Spencer von einer unheimlich deformierten Tänzerin, die in seiner Heizung wohnt, vorgesungen bekommt, dass im Himmel alles großartig sei, bleibt ihm schließlich, nach einem wahrlich surrealistischen Inferno, nur die Verwandlung in einen Radiergummi.




Hölle, das ist bei Lynch auch ein Ort, an dem die Menschen mit ihren verdrängten Schattenseiten konfrontiert werden, ihren sexuellen Gelüste und aggressiven, sinnlosen Trieben. Gewalt und Gegengewalt wird hier mit großer visueller Kraft von ihrer ansonsten infantilen Verkleinerung im Kino befreit.

Selbst Hollywood, die Traumfabrik, kann wie in „Mulholland Drive“ zum Moloch werden, in dem finstere Gestalten und mysteriöse Hintermänner heimlich die Strippen ziehen und so selbst hochmotivierte und trotzdem naive Blondinen in einen Strudel der Abgründe entlassen.

19. Mai 2017

16. Mai 2017

Der Unterschied zwischen Leben und Kunst

Leben heißt, das Positive zu einem Ende zu denken.
Kunst heißt, das Negative zu einem Ende zu denken.

12. Mai 2017

Einfach

Einfachsein in aller Demut - 
wie alles Heilige, wie alle Kunst.

9. Mai 2017

Prinzip Hoffnung

Mit dem Fortschritt kann es jeder halten, wie er will, ausgenommen der Künstler. Das Prinzip Hoffnung mag ein Weltprinzip sein oder auch keines; jedenfalls ist es ein Kunstprinzip. Indem einer Kunst macht, verrät er, dass er mit dem Weltende nicht rechnet. Er gibt sich nicht die ganze Mühe, um einen befristeten Stoff für einen befristeten Verbraucher herzurichten. Würde er mit dem Weltende rechnen, würde er die Sache lassen.
Peter Hacks

3. Mai 2017

Kunst ist für die Armen da!

Kunst ist nicht für jene, die alles haben. Warum sollte sie auch? Für die Armen ist sie da. Für die also, die nichts haben. Ihnen spendet sie nicht nur eine Handvoll Trost – wie jenen, die alles bereits haben. Ihnen gibt die Kunst stattdessen Hoffnung und Arbeit.

Arm, das sind nicht nur jene ohne Hab und Gut. Arm sind vor allem auch jene, denen es an geistiger und seelischer Kraft fehlt. Arm sind die Ausgestoßenen und Außenseiter, die sich auf die Wärme spendende Gemeinschaft nicht mehr verlassen können. Arm sind die Alleinstehenden, die – manchmal zur Liebe kaum fähig – alle Energie aus dem schöpfen, was ihr Herz beflügelt.



Kunst befreit die Armen aber nicht von ihrem Armsein. So können nur jene denken, für die Kunst nicht mehr als Ablenkung vom starr gewordenen Dasein ist. Kunst schenkt den Armen, den Traurigen und Kranken, einen Sinn. In der Kunst erfüllt sich ihr Dasein, ohne dass es sie nötigt, es aus Scham ablegen zu müssen. Sie mögen auf den ersten Blick arm bleiben, aber sie gewinnen mit Hilfe der Kunst eine Würde, die man ihnen sonst verwehrt.

Es gibt Arme, die zu Künstlern werden.

(Mit wenigen Ausnahmen sind alle großen Künstler arme Gestalten. Sie wählen den Beruf des Künstlers nicht. Sie werden von der Kunst aufgelesen. Ohne die Kunst gäbe es diese Menschen nicht.)

Und es gibt Arme, die sich mit Leib und Seele in die Künste hineinstürzen. Sie leben nicht mit der Kunst. Sie schmücken sich nicht mit der Kunst. Sie leben erst durch die Kunst. Sie verdanken der Kunst alles in ihrem Leben.

Weil die Kunst für die Armen da ist, will sie aufwecken. Jede Kunst, die zum Einschlafen aufruft, ist keine Kunst. Sie wird nur als solche verkauft. Kunst muss Geld einbringen, denn sie wird hart erarbeitet. Sie zu genießen bedarf aber keiner Bezahlung.

Auch deshalb ist Kunst für die Armen da: Jeder kann sich ihr ohne Gegenleistung widmen.

1. Mai 2017

Die Unfähigkeit zu trauern

Am 14. Oktober verschwinden von einem Moment auf den anderen 170 Millionen Menschen. Exakt zwei Prozent der Menschheit. Keiner weiß, wo sie abgeblieben sind. Niemand weiß eine Antwort darauf, warum es die einen aus der Welt geworfen hat und die anderen nicht. In einigen Städten gibt es nicht eine Person, die vermisst wird, in anderen Orten werden ganze Familien radikal dezimiert.


 

Irgendwann einigen sich die Verbliebenen, die keine plausible Erklärung für das Ereignis finden, von einer plötzlichen Entrückung zu sprechen. Ein Forschungsinstitut wird gegründet, das statistisch erfassen soll, was all die Verschwundenen gemeinsam hatten. Viele wissen nicht, wohin mit ihrer Trauer. Kommen ihre Lieben, ihre Freunde, ihre Nachbarn wieder zurück? Getrauert werden kann nur um Tote, nicht um Verschwundene…

Wie mit den Zweifeln umgehen?


Doch der Alltag muss für die Zurückgelassenen weitergehen. Arbeit muss getan werden, Kinder müssen erzogen werden, Einkäufe sollten erledigt werden. Irgendwann wachsen die Zweifel: Warum bin ich noch da? Verschwanden die Menschen, weil sie reineren Herzens waren und von Gott erlöst wurden? Oder wurden sie als Sünder in die Hölle geschickt? Warum aber entflohen auch Babys, manche gar als Säuglinge aus dem Mutterleib?

Die meisten versuchen das Leben zu nehmen wie es ist. Auch wenn das schwer fällt. Nach einiger Zeit fällt der Glaube daran, dass es irgendwie weitergehen kann, nicht mehr ganz so schwer wie zunächst. Doch nicht alle wollen sich dieser Vorstellung, trotz des Verlustes einfach so zu tun, als wäre nichts passiert, beugen. Die Kirchen erhalten nicht mehr, sondern weniger Zulauf. Obwohl sich doch mit der plötzlichen Entrückung jene christliche Lehre wie aus dem Nichts zu bewahrheiten scheint, dass vor der Wiederkunft von Jesus Christus die Gemeinde in den Himmel „abgeholt“ wird - und für die Hinterbliebenen Jahre der Trauer warten. Aber die Skepsis gegenüber Gott scheint, einmal in der Welt, nicht mehr rückgängig zu machen zu sein.

Schuldig Verbliebene


Stattdessen bilden sich (pseudo-)religiöse Gruppierungen. Manche ernennen sich selbst zu Erlösern, weil sie versprechen, die Last von den Schultern der Menschen zu nehmen. Einigen gelingt es sogar - und sie lassen sich dafür reichlich belohnen. Andere wollen partout nicht vergessen und schließen sich zu einer Vereinigung der „schuldig Verbliebenen“ zusammen. Sie tragen nur noch weiße Kleidung, sprechen nicht mehr, ernähren sich von geschmacklosem Brei und rauchen als Zeichen ihres Glaubens an die Kraft der ohnmächtigen Trauer pausenlos Zigaretten.

Was kümmert denn diese lebenden Toten noch ihre eigene Gesundheit? Diese Sekte hat es sich zum Ziel gesetzt, ihren Mitmenschen eine Warnung zu sein. Dafür ist ihnen jedes Mittel recht. Die Mitglieder postieren sich in Kleingruppen vor Wohnhäusern und protokollieren das Leben der Anderen. Sie brechen in die Häuser ein und stehlen Fotos der Verschollenen. Und schließlich sorgen sie sogar dafür, dass sie in erstarrter Form noch einmal zurückkehren.




In einer Welt, in der plötzlich Millionen von Menschen verschwinden, kann es keine Sicherheit mehr geben. Was einmal ohne Grund passiert, kann es auch ein zweites Mal. Nicht wenige verlieren den Verstand - aber sind sie wirklich verrückt, wenn sie mit fremden Zungen sprechen, oder erhalten sie Botschaften aus der anderen Welt? Und dann sind auch noch die Hunde wild geworden. Sie vertrauen den Menschen nicht mehr, weil sie Zeugen der Entrückung wurden. Sie kehren in die Wildnis zurück. Nicht unmöglich, dass die verbliebenen Menschen ihnen folgen werden.

„The Leftovers“, als Roman von Tom Perrotta wie als HBO-Serie, liefert einen der hellsichtigsten Stoffe unserer Zeit. Es ist eine kluge Parabel auf die Erosion von Glaube und kulturellen wie psychologischen Gewissheiten sowie die Unfähigkeit zu trauern. Zugleich ist es eine durchaus schwer verträgliche, düstere Erzählung, als Fernsehserie stark besetzt, suggestiv inszeniert und mit der pointierten und schlicht unvergesslichen Musik von Max Richter unterlegt.

 

Ich kann mich dieser Geschichte schon deshalb nicht entziehen, weil sie geradezu furchtlos über die Melancholie (unserer Zeit) brütet - und weil der 14. Oktober mein Geburtstag ist.