23. Juli 2017

Auschwitz gesehen

Vor vielen Jahren habe ich als Grundschüler Auschwitz gesehen. Diese Erfahrung hat mich sehr geprägt. Erst heute habe ich verstanden, dass es eigentlich unmöglich ist, das Lager wieder zu verlassen, wenn man es erst einmal betreten hat.



Das Erschreckendste ist die Friedlichkeit, die absolute Ruhe, die sich über das Gelände wie Morgentau auf Gras gelegt hat. Die Natur hat Birkenau, hat Auschwitz zurückerobert. Natürlich war mir das Endzeitlager auch als Pimpf schon ein abstrakter Begriff. In Klassenzimmer hatten wir darüber gesprochen, Anne Frank behandelt und auch "Schindlers Liste" gesehen. Ich kann mich noch gut erinnern, dass die klagenden Violinenklänge, die John Williams für den Spielberg-Film komponiert hatte, sofort in meine Gedanken sprangen, als ich über die sorgsam für den Publikumsbesuch hergerichteten Pfade in Auschwitz schlich. 

Auch die eine Szene, als die gefangenen Juden in einer schneeverhangenen Winternacht in der Hölle ankamen und mit dem Zug durch die von Aussichtstürmen bewachten Tore fuhren, war mir sofort präsent. Kritiker echauffierten sich damals, dass der amerikanische Popcorn-Regisseur hier ein geschmackloses und auf absurde Weise romantisch verzerrtes Auschwitz zeigte. Ja, das auch. 

Denn gegen die Bilder, die sich festgesetzt haben, muss man ankämpfen. Manchmal zieht man auch mit der Verklärung gegen den Horror in die Schlacht, ordnet einen Albtraum, der mit Worten nicht beschrieben werden kann. 

Gerade erst lief im Fernsehen die Dokumentation "Night Will Fall", die von einem Film-Projekt erzählt, das direkt nach der Befreiung des Lagers von Großbritannien und den USA in Auftrag gegeben wurde. Das Grauen sollte, so gut es ging, dokumentiert werden. Selbst Alfred Hitchcock, damals schon berühmt, wurde engagiert, um den Bildern des Todes eine Form zu geben. Doch der  Lehrfilm für das nach dem Ende des Krieges "aufgewachte" Deutschland wurde alsbald ins Archiv verbannt. Zu wenig versprach man sich davon, die Deutschen mit ihrer Schuld zu konfrontieren - gerade auch deswegen, weil mit der Sowjetunion längst ein neuer Feind bekämpft werden musste. 

Es ist erschütternd, all die Leichen zu sehen. Wie sie fortgeschafft werden. Wie sie verscharrt werden. Zu viele, um sie nicht wie Puppen, wie Abfall zu behandeln. Doch diese Toten waren gerade nicht jene, die in den Verbrennungsöfen qualvoll ersticken mussten und dann verbrannt wurden, wie Claude Lanzmann immer  wieder betonte. Mit seinem monumentalen Nicht-Film "Shoah", fälschlicherweise oft als Dokumentation verstanden, hatte er gerade davon Zeugnis abgelegt, dass es sich bei den in den Konzentrationslagern getöteten Juden um Opfer handelte, die mit den Mitteln des Films nicht dargestellt, ja eigentlich mit keinem Mittel der Kunst oder der Geschichtsschreibung gezeigt werden können. 

So sehr wie sie von den Nazis zu namenlosem, identitätslosem Fleisch verdammt wurden und so auch gewissenlos aus der Welt geschafft werden konnten, ist es nicht mehr möglich, sie nachträglich in ihr Recht zu setzen, sie mittels der Bilder eines gütigen Kameraauges retrospektiv vor dem Verbrechen zu bewahren. Man begreift diese Vorstellung nicht, wenn man nicht in Auschwitz war. Man glaubt, dass es so etwas wie ein  kathartisches Gedenken gibt, das die Schuld aus der Welt schafft oder doch wenigstens Versöhnung zulässt.

Noch einmal Claude Lanzmann: Zum Start von "Schindlers Liste", den der Franzose ein Leben lang mit Verachtung belegte, sagte er, der Film handle vom Überleben, wo doch vom Tod die Rede sein müsste. Spielberg entgegnete ihm seinerzeit, dass die jüdische Kultur doch Hitler überlebt hätte, dass es doch existiere.

Wer Birkenau verwundet überstanden hat, der Melancholie der Ruine verwundert entkommen durfte, sieht sich im Lager Auschwitz einem Museum ausgesetzt, das von außen Harmlosigkeit ausstrahlt. Oft wurde der Vorwurf laut, dass die Musealisierung des Völkermords keinen Zugang gewährt zum Inneren des Schreckens. Aber das Gegenteil ist der Fall. 

Ich habe es gar nicht erst bis in die dunklen Gaskammern geschafft. 

Ich mochte diese Nicht-Orte gar nicht erst betreten, denn sie existierten nur für die Menschen, die sie nicht mehr verlassen konnten. Nur für sie waren sie für einen Moment Realität. Für uns Nachgeborene, Erinnernde, sind es Mahnmale. Aber es braucht nicht diese verätzten Gemäuer, um den Holocaust (schon das ein Wort, das der gespenstischen Vernichtungsideologie einen Sinn abzutrotzen versucht, ihn "real" machen will, obwohl genau das nicht möglich ist) greifbar zu machen. 

Besucht man die Museumsstätte in Auschwitz, sieht man hinter Vitrinen Unmengen von Pässen, Listen, Urkunden, Brillen, Münzen, Prothesen, Gebissen, Pfeifen, Taschentüchern, Uhren, vor allem Fotografien und büschelweise Haare. Diese Menschen, deren leblose Körper wir nie sehen konnten, weil sie ausradiert und verbrannt wurden, mussten ertragen, wie all ihr Hab und Gut entnommen, genaustens katalogisiert und eingezogen wurde. Vielleicht ist die versuchte Vernichtung der Juden der destruktive Höhepunkt der Bürokratisierung, der verwalteten Tötung von Menschen. Der tragisch-schwarze Gipfelpunkt der Industrialisierung, die zum Zwecke der Ausbeutung Menschen "auspresste", sie als lebende Forschungsobjekte missbrauchte, als Arbeitskräfte bis zum Rand der Erschöpfung benutzte, um aus ihnen den maximalen Ertrag menschlicher Produktionskraft heraus zu drücken. 

Das ist eine Lektion, die ich nicht tränenden Auges, sondern bleischweren Magens gelernt habe. Unsere Lehrer versuchten uns Kinder, die von den ungeordneten Eindrücken überfordert waren, mit Worten entgegenzutreten. Auch mit Spielen, so harmlos es klingt, damit das Unaussprechliche auf andere Art und Weise zum Ausdruck kam. Wir versammelten uns auf Stühlen und bekamen die Aufgabe, wie Statuen zu posieren, denen das Entsetzen, die Trauer, auch die Hilflosigkeit in den Körper eingeschrieben ist. Für Sekunden regungslos dasitzen. Das Nichts zulassen, das uns angeblickt hatte - uns unschuldige Kinder. 

Ich weinte irgendwann, weil es nicht mehr anders ging. Doch es war eine Traurigkeit, die von jenen Geigen dirigiert wurde, die in "Schindlers Liste" das Leid illustrieren. Die Wahrheit, der ich in Auschwitz begegnete, war aber nicht zu betrauern. Diese Wahrheit hatte etwas Steinernes, etwas Regungsloses. Worte drücken Bewegung aus. Sie bringen Laute zum Schwingen, sie ergeben als aneinander gekoppelte Laute Sinn.

Auschwitz bedeutet Schweigen. Die größtmögliche Abwesenheit von Sprache, Sinn und Veränderlichkeit. 

Die Nationalsozialisten wussten, was sie taten, als sie ihre Lager noch vor der Befreiung durch die Alliierten in Schutt und Asche legen wollten. Niemand sollte erfahren, was sich hinter den Stacheldrähten und Baracken befand und wie sich der Tod durch die Schlote zwängte. Es gelang den Schlächtern nicht, weil sie von ihrem Protokollwahn besessen waren; einer obszönen Bürokratie, die es notwendig machte, über das Töten minutiös Bericht abzulegen. Zugleich hinterließen sie aber einen Flecken Erde, der niemals mehr vergehen wird, der trotz jeder Veränderung, die von der Natur nun einmal vorgesehen ist, bleibt. 

Wer einmal in Auschwitz gewesen ist, versteht diese Ewigkeit, die weder mit dem Kopf noch mit dem Herzen erfasst werden kann. Wer einmal in Auschwitz gewesen ist, verlässt es nicht mehr.

14. Juli 2017

David Lynch von A-Z: Nicht zu Ende geboren

Eine der vielen (vielleicht hilflosen, auf jeden Fall aber kreativen) Interpretationskrücken, mit der man Lynch beizukommen versuchte, ist die des „nicht zu Ende geborenen Mannes“, den der Regisseur laut dem Filmkritiker Georg Seeßlen in fast all seinen Filmen symbolisch und zugleich überkonkret inszeniert.

Angst vor dem Erwachsenwerden


Natürlich scheint hier „Eraserhead“ am Hintergrund auf, das symbolische Ur-Ei in „Lynchville“. Hier hat der Protagonist mit einem schockierenden, kreischenden, röchelnden, wurmähnlichen Wesen zu kämpfen, dessen Vater er angeblich sein soll. Aber auch der „Elefantenmensch“, der als menschliche Ungestalt auf die Welt kommt, folgt diesem theoretischen Konzept geradezu unheimlich konsequent. 

Doch der psychoanalytische Ansatz, der auch schon für Lynchs erste bedrückende Kurzfilme wie „The Grandmother“ fruchtbar gemacht werden kann, reicht noch wesentlich weiter, denn im Grunde geht es bei Lynch fast immer um junge Männer, die nach einer Erklärung für ihre Schmerzen, ihre eigenartige Verstocktheit und ihre Fremdheit fahnden – und dann meist in einen düsteren Joyride verwickelt werden.

Dabei steht die Angst vor der eigenen Sexualität (das größte Geheimnis im Lynch-Kosmos) stets  auch wie die Enttäuschung durch Mütter und Frauen, die den einsamen Mann verlassen oder hintergehen, im Zentrum.

Lynchs Filme spielen mit dem psychoanalytischen Zugang (so wie es einst auch Hitchcock tat), in dem wesentliche Versatzstücke z.B. der Traumdeutung, aber auch Stereotypen der filmischen Psychologisierung (die kühle Blonde, der unsichere Jüngling, die Femme Fatale, der Doppelgänger) potenziert und zum Teil sogar mit parodistischen Mitteln inszeniert werden.

Interpretationsfalle Psychoanalyse


Damit machen sie es dem Zuschauer eigentlich leicht, Sinn hinter den scheinbar sinnlosen Bildern zu finden. Doch der psychoanalytische Querbezug könnte – genauso wie es in den Erzählungen Kafkas der Fall ist und wie es sich bei den großen Surrealisten von Breton über Bunuel bis Dali präsentiert – eine geschickte Interpretations-Falle sein.

13. Juli 2017

In der Waagschale

Sinn: Geben und Nehmen, exakt im Verhältnis 50:50.

12. Juli 2017

10. Juli 2017

Smartphonezombies

Wer auf sein Smartphone starrt, enterotisiert sich. Ein angestrengter Blick auf einen flimmernden Bildschirm, dem von außen zunächst kein Sinn zugeordnet werden kann, kennt keinen Charme, macht nicht neugierig, er hat nicht einmal etwas Vergeistigtes. Er bleibt stets ein zweckfreies Starren. 



Immerhin ist der Blick auf andere Geräte in der Regel mit Arbeit oder einem zielgerichteten Vergnügen verbunden, sei es nun ein Computer, ein Fernseher, ein Laptop oder sogar ein Tablet. Auch wer telefoniert, vermittelt anderen Menschen, dass er etwas tut, das nur ihn und denjenigen angeht, der an der anderen Seite der Strippe hängt. 

Doch das Smartphone bildet hier eine Ausnahme, mobilisiert es doch Sehnsüchte, Kommunikation, Informationsbedürfnis und was auch immer die Apps hergeben auf den schnellen, akkuzerrenden Hingucker zwischendurch. Der Handynutzer ist nur und ausschließlich mit sich selbst beschäftigt - selbst wenn er über SMS, WhatsApp, Facebook oder andere Diensten mit anderen Menschen kommuniziert. 

Doch alles, was zwischendurch mit einem Gerät geschieht, was in der Öffentlichkeit oder zuhause sich lediglich auf einem Bildschirm ereignet, dessen Inhalt sonst niemand sieht, ist schlicht unattraktiv. 

Jeder Blick auf ein Smartphone entzieht seinem Nutzer das Potential, auf andere Menschen auf welche Art auch immer zu wirken. Der Kalauer über die zunehmende Schar an „Smartphonezombies“ ist gar nicht witzig, sondern eine präzise Zustandsbeschreibung. Es spielt noch nicht einmal eine Rolle, was sich auf dem Handy wirklich abspielt, also wie es genutzt wird.



Die Gefahr droht gar nicht einmal nur jenen, die andere (fremde) Menschen vielleicht gerne auf sich aufmerksam machen würden und durch den Blick auf das Smartphone in der Öffentlichkeit zum Profilbild ihrer selbst verkommen. Vielmehr bedroht die freiwillige Enterotisierung nach täglich stundenlanger Smartphone-Session ohne Sinn und Verstand vor allem das, was zwischen zwei Menschen sein könnte, die Bett und Leben teilen. 


6. Juli 2017

Einsicht

Die schmale Glücksperspektive des Melancholikers ist die Fähigkeit zur Einsicht. Unglück erwächst allerdings aus der Suche nach dem, was solche Einsicht bewirken kann.

5. Juli 2017

David Lynch von A-Z: Metamorphosen

David Lynch hat sich schon vor vielen Jahren die Filmrechte für „Die Verwandlung“ von Franz Kafka gesichert. Höchstwahrscheinlich wird es nie zu einer filmischen Realisation dieses einzigartigen literarischen Stoffes kommen – weil der Regisseur Kafka wirklich verehrt („Der eine Künstler, bei dem ich wirklich das Gefühl habe, er könnte mein Bruder sein“) und weil er wohl nicht so naiv wäre, die gewaltigen Assoziationen, die der Autor in seinen Texten weckt, mit seinen eigenen kühnen Bildvisionen zu verrechnen. 



Aber „Die Verwandlung“ passt auch deshalb, weil Lynch in all seinen Filmen Metamorphosen in den unterschiedlichsten Ausformungen zeigt. Seine Figuren puppen und enthäuten sich, verwandeln sich vom spießigen Familienvater in ein mordendes Monstrum, von der Blondine zur Brünetten (und umgekehrt) oder von einem Saxophonisten in einen Mechaniker. 

Dabei verfolgt der Regisseur streng das geheime Programm der Surrealisten (ohne sich freilich selbst je öffentlich dazu bekannt zu haben, einer von ihnen zu sein), wonach es schön ist, wenn sich eine Nähmaschine mit einem Regenschirm auf einem Seziertisch begegnet.

4. Juli 2017

Qual, ja!

Wir werden nie wissen, wie es ist, eine Fledermaus zu sein. 



27. Juni 2017

David Lynch von A-Z: Labyrinth

Worin besteht das Vergnügen, sich in einem künstlich angelegten Garten zu verirren, der möglicherweise viele oder gar keine Ausgänge hat? David Lynch ist der Großmeister der filmischen Labyrinthe. Seine Erzählungen sind verschachtelt („Mulholland Drive“), kennen unendlich viele Plot Points („Twin Peaks“), führen die eigenen Hauptfiguren in die Irre („Lost Highway“) und in einen undurchsichtigen Zitate-Dschungel der Popkultur („Wild At Heart“) oder des eigenen Werks („Inland Empire“). 



Damit kommt David Lynch die Rolle eines prophetischen Künstlers zu, der mit den Mitteln des postmodernen Kinos die Komplexität einer Welt beschreibt, die ihren eigenen Diskursen nicht mehr entkommen kann („Das ist eine Schlangenlederjacke. Sie ist ein Symbol meiner Individualität und meines Glaubens an die persönliche Freiheit“, Sailor in „Wild At Heart“). 

Man kann sich in diesen kunstvollen Labyrinthen, die nicht selten einer gewissen Traumlogik folgen, mit wohligem Schauer verlieren. Man kann sie aber auch fürchten, weil sie in ihrer Konstruktion hyperrealer Tableaus keine (moralischen) Auswege zulassen. 

Alles scheint hier Pose, Rätsel, endlos geflochtenes Band. 

Als Lynch 1990 bei den Filmfestspielen in Cannes die Goldene Palme gewann, warf man dem Regisseur Zynismus und ein vollständig leeres Programm vor. Die Kunstfertigkeit des Amerikaners besteht aber darin, die Zeichen der Zeit zu lesen – und sie mit der Sprache des Films in Flammen aufgehen zu lassen.

18. Juni 2017

Der väterliche Freund

Es gibt im Leben eines heranwachsenden Menschen irgendwann einen Punkt, da reichen die eigenen Erlebnisse und Geistesanstrengungen nicht mehr aus, um ein oder mehrere Probleme zu bewältigen.

Eine eigentlich fürs Leben geschlossene Beziehung zerbricht. Die eigenen Eltern wenden sich pikiert oder einfach desinteressiert ab. Das Studium findet kein gescheites Ende. Der Weg zur anständig bezahlten Arbeit, von Traumjob ist gar nicht zu sprechen, erfüllt sich nicht. Die Zahl der möglichen Schwierigkeiten ist Legion.
Es liegt in der Natur der Sache, dass die Menschen, die einem am nächsten stehen, in solchen Problemlagen nicht immer die richtigen Ratgeber sind. Zu sehr mischen sich in ihr Urteil zum Teil unrealistische Erwartungen (Familie), Verblendungen (enge Freunde) oder  sogar Abhängigkeit (Partner). Sollten sich die Schwierigkeiten dann noch mit den Lebenslinien der Liebsten ungünstig verbinden, werden aus Anregungen schnell Drohungen.

In solchen Fällen ist oftmals der väterliche Freund ein Leuchtturm, der mit seiner Lebenserfahrung und unvoreingenommener Güte einen neuen Weg zu zeigen in der Lage ist.

Was ist ein väterlicher Freund? 


Meist handelt es sich um einen wesentlich älteren Menschen, der in sehr vielen Fällen als Vorbild für einen jüngeren auftritt. Manchmal dient er als Projektionsfläche für die eigenen Berufs- oder Lebenswünsche. Er unterscheidet sich oft vom eigenen Vater, weil er eine andere Lebenseinstellung besitzt. Außerdem ist seine Autorität von anderen Voraussetzungen geprägt. Findet man einen solchen Menschen, entwickelt sich so oftmals ein Meister-Schüler-Verhältnis, das allerdings durchaus etwas von dem Druck befreit ist, dass einer lehren und der andere lernen muss. Ab und zu, aber nicht allzu häufig, bildet sich deshalb tatsächlich zwischen (ehemaligen) Pennälern und ihren Pädagogen eine solche innige Vertrauensbasis heraus.

Voraussetzung für eine solche Freundschaft ist, dass der väterliche Freund keinesfalls überlegen auftritt. Er sucht stattdessen im und mit dem anderen selbst neue Erfahrungen, spiegelt mit ihm vielleicht seine eigene Situation, in der er sich einmal als junger Mann befand. So tritt der väterliche Freund als ein kompetenter Ratgeber auf, stets bereit zu helfender Anteilnahme - ohne Herablassung, frei von Zwängen. Krumm lässt sich diese Beziehung vergleichen mit dem albernen Witzerzähler, der seinen idealen, stets breit lachenden Zuhörer gefunden hat. 

Vielleicht lässt sich die Bindewirkung aber auch seriöser mit Balzac erklären, der einer gelingenden Freundschaft scharfsinnig unterstellte, sie wirke vor allem deshalb so nachhaltig, weil sich jeder der beiden dem anderen gegenüber leicht im Vorteil sieht. So kokettiert hier der eine mit der Süße der Jugend und der andere mit der Weitsicht des Alters. 

In glücklichen Fällen öffnet ein solcher väterlicher Freund die Türen seines Heims, um den Freund mit jenen lukullischen und materialistischen Kostbarkeiten des Lebens zu verwöhnen, die dieser selbst noch nicht kennen oder gar anschaffen kann. Zusammen tafelt man von Porzellantellern, trinkt guten Rotwein oder schaut Filme aus einer längst vergangenen Zeit.

Für den jungen Freund bietet sich eine vorurteilsfreie Erweiterung seines Horizonts. Der ältere erhält indes die nicht selten einmalige Chance, seine längst zu Gewissheiten verformten Gedankengänge einer vitalen Prüfung zu unterziehen. So lässt sich voller Zuneigung für die Werte und den Glauben des anderen über Gott und die Welt, Kierkegaard oder Lubitsch, die Wonnen des Alleinseins oder die Vorzüge der Frauen sprechen.

Die Hierarchie bleibt bestehen


Solche Verhältnisse sind für gewöhnlich nicht ganz so eng wie Freundschaften auf Altersaugenhöhe. Die Verbindung bleibt geprägt von der psychischen Dynamik der Rangfolge, die sich durch Alter und sozialen Stand manifestiert hat und die beide trotz aller Sympathie trennt. Dennoch ist ein tragfähiger Dialog zweier solcher Menschen, die recht oft durch Zufall zueinander finden, ein wenig so, wie Aristoteles es sagte, nämlich derart, als würde sich hier eine Seele in zwei Körpern begegnen.

Entwickeln können sich solche Freundschaften, die einer Norm niemals entsprechen werden, allerdings nur, wenn beide Seiten sich öffnen für das Sosein des anderen. Diese Form der Freundschaft beruht auf Toleranz und ein Stück weit auch auf einer Sorge um das eigene Selbst. Sie schließt mit ein, dass nicht ganz so gewöhnliche Hilfe auch gesucht wird. (Denn nicht jeder lässt sich gerne helfen; der Stolz verbietet es einigen.) Sie verlangt das blinde Vertrauen zwischen einem freigeistigen Menschen, der bedingungslos lernen möchte und einem reifen, der zu lehren wirklich bereit ist. Kurz: Eine Frage des gegenseitigen, großzügigen Respekts.

Natürlich tritt ein solcher Mensch nicht immer nur in Zeiten der Jugend ins Leben. Eine solche Beziehung lässt sich auch im höheren Alter denken, wenn der Gesprächspartner vielleicht schon ein Greis ist und die letzten Funken seiner Weisheit gerne zu teilen bereit ist.

Überhaupt geht es hier um einen geradezu karitativen Prozess des Schenkens von Erfahrungen und Lebensgütern. 

Manchmal ergeben sich so sogar finanzielle Unterstützungen, die allerdings auch auf der nicht immer von ökonomischen Interessen befreiten Überzeugung beruhen, dass es sich lohnt, in einen (geliebten) Menschen zu investieren, damit er sich daraufhin weiterentwickelt.

 Meister und Schüler


Diese Form der Kameradschaft ist oftmals eine auf Zeit, weil ihre Asymmetrie zu deutlich bleibt und auch nicht aufgelöst werden kann. Auch in der Halbwertzeit gleicht sie deshalb einer Meister-Schüler-Korrelation, in der sich einer hingibt, um seine Gedanken und Gefühle in einem anderen zum Blühen zu bringen - und ihn so zu stützen auf schwankendem Grund -, und in dem sich der nun Beschenkte bedingungslos dem Neuen unterwirft und so selbst einmal die Grundlage für die eigene wachsende Persönlichkeitsreifung legt, um später einmal als Lehrer für einen anderen Zögling zu wirken.
Insofern verändert und vertieft der väterliche Freund in einem Menschen, der Hilfe gleich welcher Art sucht, das Vertrauen in die Bedeutung, Größe und vor allem Notwendigkeit echter Freundschaft. Diese beschränkt sich nicht auf Selbstbestätigung, sondern auf die Erweiterung und Vertiefung von Erfahrung.

(In Erinnerung an TT.)

15. Juni 2017

David Lynch von A-Z: Kult

„Eraserhead“ begründete mit Filmen wie „El Topo“ von Alejandro Jodorwosky, „Pink Flamingos“ von John Waters und „The Rocky Horror Picture Show“ von Jim Sharman (allesamt Filme, die einer ähnlichen, längst verblühten Geisteshaltung entsprangen) in den 1970ern das Mitternachtskino in den USA mit. Fünf Jahre hatte Lynch an dem verqueren Un-Werk gedreht, sogar auf dem Set geschlafen, um den Film fertig zu bekommen.


Seitdem ist Lynch einer der innovativsten Bildkünstler der Gegenwart, konnte sich Millionen-Flops wie „Der Wüstenplanet“ leisten, ohne dass sein Name Schaden nahm. Spätestens mit „Blue Velvet“, vor allem aber auch mit der weltweit von Fans verehrten und diskutierten Serie „Twin Peaks“, die er zusammen mit Mark Frost initiierte (Quality-TV, noch bevor der Begriff durch die „Sopranos“, „The Wire“ und „Mad Men“ zur Standardfloskel verkam, und nun mit „Twin Peaks: The Return“ noch einmal auf dem Weg, die Möglichkeiten des Fernseherzählens für immer zu verändern), wurde Lynch Kult. Von Cineasten verehrt, von Kritikern nicht immer geliebt, vom durchschnittlichen Kinogänger aber stets mit einer hochgezogenen Augenbraue betrachtet.


David Lynchs Interviews sind eine Kunst für sich


Dabei spielt auch Lynchs geschickte Selbstvermarktung eine Rolle. Die auffällige Physiognomie des Regisseurs, gepaart mit seiner ikonischen Frisur, dürfte heute genauso bekannt sein wie einst die Silhouette von Hitchcock, die zum cineastischen Gütesiegel wurde. Zudem gelingt es dem Universalkünstler, mit unzähligen Interviews (schön und erhellend in „Lynch über Lynch“ – im Gespräch mit Chris Rodley) zugleich Spuren ins Sinnzentrum seiner Kunst zu legen und sie mit der geschickten Verweigerung von Erkläransätzen wieder zu verwischen.

Auch seine Website, über die der Filmemacher gegen eine Abo-Gebühr kleine abstrakte Filmhäppchen reicht, den Wetterbericht in Los Angeles präsentiert und Kaffee verkauft, gehört zur Marke Lynch dazu. Natürlich fordert dies längst auch zu unzähligen, größtenteils liebevollen Parodien im Netz auf.

13. Juni 2017

11. Juni 2017

Straßenungetüme

Eine Welt, in der immer mehr Menschen Autos (möglicherweise sogar für immer weniger Geld) kaufen und trotzdem die Umwelt vor Schadstoffbelastung zunehmend geschont werden kann, wird es nie geben.

Es ist erschreckend, wie sich die notorisch von ihrem schlechten Gewissen geplagten Menschen gerade von der Autoindustrie hinters Licht führen lassen. Kein Entwurf für ein konkurrenzfähiges Elektroauto dürfte auch nur ansatzweise den gerne abgenickten und glänzend bedienten SUV-Boom stoppen, der fast allen größeren Unternehmen allerdings die Umweltbilanz verhagelt.


 
Das macht ja nichts, denn BMW, Mercedes, Kia und Co. verdienen prächtig an diesen Straßenmonstern, die ihren Fahrern das Gefühl geben, selbst beim Familienausflug in einem Panzer durch die Landen zu röhren. Wehe, ein Radler stellt sich ihm in den Weg. Selbst ein Kleinwagen dürfte bei einem Unfall mit einem derartigen Sprit fressenden Ungetüm nicht einmal einen Kratzer an dem Gefährt hinterlassen. Im Durchschnitt stoßen SUVs auf einem Kilometer 132,5 Gramm CO2 aus. Bei Geländewagen sind es sogar 162,8 Gramm. Leicht fällt der Vergleich: Kompaktkarossen stoßen inzwischen lediglich noch 116,7 Gramm CO2 pro Kilometer aus.

Es ist gerade das gut situierte, finanzstarke Bürgertum, das sich diese Asphaltschiffe leistet - obwohl es schon lange kein Problem mehr hat, bei den Grünen das Kreuzchen zu machen und vorwiegend „Bio“ einkauft, um angeblich der Umwelt etwas Gutes zu tun. 

Die Gesellschaftswissenschaftler Ulrich Brand und Markus Wissen erkennen in ihrem Buch „Zur Ausbeutung von Mensch und Natur in Zeiten des globalen Kapitalismus“ im SUV ein Symbol für eine neue imperiale Lebensweise, in der sich die Menschen in den wirtschaftsstarken Regionen der Erde eingerichtet haben. Auch wenn man um Chancenungleichheiten und Gefährdungspotentiale weiß: Der Komfort soll möglichst nicht kleiner werden und Probleme der Gegenwart dürfen gerne mit heilsbringenden Zukunftstechniken verrechnet werden. Nachhaltigkeit ist nur ein Konzept, keine Praxis.

Trotz all der vermeintlich liberalen Bekenntnisse zu Umweltschutz und Ressourcenschonung machen gerade jene, die mit ihrem Geldbeutel für einen Umschwung sorgen könnten, das Gegenteil. Sie haben ihre Gründe dafür. Waren früher dominante PS ein Ausdruck von Freiheit, sind sie in einer sich stetig wandelnden Welt inklusive Stahl und Schnickschnack zur Währung für absolute Sicherheit auf der Straße geworden.

Überall wo absolute Sicherheit draufsteht, steckt allerdings Selbstbetrug drin.

9. Juni 2017

Gedöns

Ich befasse mich nicht damit, zu sagen, was man in der Welt tun soll, es befassen sich andere genug damit, sondern was ich darin tue.
Michel De Montaigne

7. Juni 2017

David Lynch von A-Z: Joyride

David Lynchs Filme sind Trips in eine andere Welt, die von Gesetzen gesteuert werden, die eben nur dort – in „Lynchland“ – gelten. 

Jünglinge wie Jeffrey Beaumont in „Blue Velvet“ oder Paul Atreides in „Der Wüstenplanet“ (ironischerweise beide von Kyle Maclachlan als eine Art alter ego des Regisseurs angelegt) legen ihre Scheu ab und bahnen sich den Weg zu einem für sie zuvor kaum vorstellbaren Geheimnis, das ihr Leben für immer verändert. Ein Pärchen flüchtet quer durch die halbe USA vor einer wildgewordenen Mutter/Hexe, die eine Handvoll Killer auf sie angesetzt hat. Ein Mann verliert seinen Verstand und erlebt sich plötzlich in einer völlig anderen Realität. 


 
Das Bild bleibt die Straße im Dunkeln, die sich ewig dehnt. 

Lynchs Filme sind Joyrides, für seine Figuren, die wie Henry Spencer permanent im Urlaub oder irgendwie nicht beschäftigt sind, stetig vor neuen Initiationen stehen und mit (ihren) Dämonen zu kämpfen haben. 

– Aber es sind auch Joyrides für den Zuschauer, der in der unheimlich verzerrten Filmwelt Wahrheiten entdeckt, die das konventionelle Erzählkino, an Genregrenzen gekettet, längst nicht mehr auszusprechen in der Lage ist. Subversives Geisterbahn-Kino.

1. Juni 2017

Postmoderne Individualität


  • Phlegmatisch-schwaches Selbstbild 
  • Unsicherheit über die eigene Identität und Vergangenheit
  • Last des Zuviel-Wissens
  • Verlust des Vertrauens in die Welt und die Idee verbindlicher Wahrheiten.

30. Mai 2017

David Lynch von A-Z: Inspiration

Lynchs filmische Methode könnte man noch am ehesten mit der écriture automatique der Surrealisten beschreiben. In unzähligen Interviews hat der Filmemacher beschrieben, dass er kaum eine nachvollziehbare Methode habe, zu seinen Erzählungen vorzudringen. Sie seien einfach da, wie Bilder vor den Augen, wenn man sich in einen Sessel setzt und seinen Tagträumen hinterher schaut.

Lynchesk

 
So hinterlassen seine Filme bei den Zuschauern auch den Eindruck, sie seien originell, könnten in der Form nur von Lynch und von sonst niemandem stammen. In diesem Zusammenhang spricht man deshalb auch von 'lynchesk' oder 'lynchig' (die Verwandtschaft mit dem Begriff des Kafkaesken ist durchaus kein Zufall, Lynch fühlt sich nach eigenen Angaben dem Prager Schriftsteller seelenverwandt) – als würde es ein spezielles Gefühl geben, das Lynchs Kinofilme, seine Musik, seine Bilder sofort auslösten. 


 
Dabei ist der Universalkünstler ein aufmerksamer Beobachter der Künste. Seine Filme beziehen ihre Inspiration aber eher aus dem europäischen Kino (die absurde Komik von Jacques Tati, der tiefe Einblick in die weibliche Seele von Bergman, die Bilderlust von Federico Fellini), der Fotografie, der Musik und aus dem gesteigerten Interesse für Strukturen und Texturen (Körper, Haut, Maschinen!). Seiner Faszination für Fabriken verlieh der Künstler mit einer eigenen Bilderserie Ausdruck („David Lynch: The Factory Photographs“). 

Hinzu kommen Stoffe, die der Regisseur wie ein nimmermüder Liebhaber umkreist: Der Zauberer von Oz, Lolita, die großen Königinnen und Könige der Populärkultur (Marylin und Elvis) und ein Amerika, das seine Abgründe hinter einer nur an der Oberfläche unschuldigen Fassade verbirgt.

25. Mai 2017

Zwei Arten: Sprung ins kalte Wasser

Von einem bestimmten Standpunkt aus betrachtet gibt es eigentlich nur zwei Arten von Menschen: Jene, die mit einem Kopfsprung ins kalte Wasser hechten und solche, die sich das nie trauen werden. 

Die Kopfvoranstürmer haben diesen Weg ins kühle Nass meist schon in sehr jungen Jahren gelernt. Sie würden gar nicht mehr auf die Idee kommen, sich burschikos in den Teich fallen zu lassen. Selbst wenn das Becken nur Zwergengröße hat: Der Kopfsprung symbolisiert Selbstvertrauen und Anmut. Als er erst einmal gelungen war, stellte das dunkle Blau keine Gefahr mehr dar. Und wer so ins feuchte Element gleitet, fürchtet sich auch nicht vor den Petitessen des Alltags. 



Die Hineinplumpser hingegen sind alles andere als Wasserratten. Sie schwimmen, ja. Aber sie müssen dafür nicht planschen und wie wild spritzen, wie es meist die Kopfschwinger tun. Sie springen nicht, weil sie Angst davor haben - oder weil sie es lächerlich finden, so ihren Weg ins Wasser zu finden. Stattdessen ziehen sie still ihre Bahnen, wie es ihnen gefällt. Manche haben es einmal probiert, mit dem Kopf voraus in den Pool zu springen. Doch meistens blieb es bei einem furchtbaren Klatsch auf den Bauch.

23. Mai 2017

David Lynch von A-Z: Hölle

Nimmt man das melancholisch-stille Road-Movie „Straight Story“ einmal aus, so lässt Lynch seine Figuren in eigentlich allen Filmen unaufhaltbar in die Hölle fahren. Wobei die Bewegung, die Fahrt, der Prozess des (vor sich hin) Treibens eine große Rolle spielt.

Auch wenn Henry Spencer von einer unheimlich deformierten Tänzerin, die in seiner Heizung wohnt, vorgesungen bekommt, dass im Himmel alles großartig sei, bleibt ihm schließlich, nach einem wahrlich surrealistischen Inferno, nur die Verwandlung in einen Radiergummi.




Hölle, das ist bei Lynch auch ein Ort, an dem die Menschen mit ihren verdrängten Schattenseiten konfrontiert werden, ihren sexuellen Gelüste und aggressiven, sinnlosen Trieben. Gewalt und Gegengewalt wird hier mit großer visueller Kraft von ihrer ansonsten infantilen Verkleinerung im Kino befreit.

Selbst Hollywood, die Traumfabrik, kann wie in „Mulholland Drive“ zum Moloch werden, in dem finstere Gestalten und mysteriöse Hintermänner heimlich die Strippen ziehen und so selbst hochmotivierte und trotzdem naive Blondinen in einen Strudel der Abgründe entlassen.

19. Mai 2017

16. Mai 2017

Der Unterschied zwischen Leben und Kunst

Leben heißt, das Positive zu einem Ende zu denken.
Kunst heißt, das Negative zu einem Ende zu denken.

12. Mai 2017

Einfach

Einfachsein in aller Demut - 
wie alles Heilige, wie alle Kunst.

9. Mai 2017

Prinzip Hoffnung

Mit dem Fortschritt kann es jeder halten, wie er will, ausgenommen der Künstler. Das Prinzip Hoffnung mag ein Weltprinzip sein oder auch keines; jedenfalls ist es ein Kunstprinzip. Indem einer Kunst macht, verrät er, dass er mit dem Weltende nicht rechnet. Er gibt sich nicht die ganze Mühe, um einen befristeten Stoff für einen befristeten Verbraucher herzurichten. Würde er mit dem Weltende rechnen, würde er die Sache lassen.
Peter Hacks

3. Mai 2017

Kunst ist für die Armen da!

Kunst ist nicht für jene, die alles haben. Warum sollte sie auch? Für die Armen ist sie da. Für die also, die nichts haben. Ihnen spendet sie nicht nur eine Handvoll Trost – wie jenen, die alles bereits haben. Ihnen gibt die Kunst stattdessen Hoffnung und Arbeit.

Arm, das sind nicht nur jene ohne Hab und Gut. Arm sind vor allem auch jene, denen es an geistiger und seelischer Kraft fehlt. Arm sind die Ausgestoßenen und Außenseiter, die sich auf die Wärme spendende Gemeinschaft nicht mehr verlassen können. Arm sind die Alleinstehenden, die – manchmal zur Liebe kaum fähig – alle Energie aus dem schöpfen, was ihr Herz beflügelt.



Kunst befreit die Armen aber nicht von ihrem Armsein. So können nur jene denken, für die Kunst nicht mehr als Ablenkung vom starr gewordenen Dasein ist. Kunst schenkt den Armen, den Traurigen und Kranken, einen Sinn. In der Kunst erfüllt sich ihr Dasein, ohne dass es sie nötigt, es aus Scham ablegen zu müssen. Sie mögen auf den ersten Blick arm bleiben, aber sie gewinnen mit Hilfe der Kunst eine Würde, die man ihnen sonst verwehrt.

Es gibt Arme, die zu Künstlern werden.

(Mit wenigen Ausnahmen sind alle großen Künstler arme Gestalten. Sie wählen den Beruf des Künstlers nicht. Sie werden von der Kunst aufgelesen. Ohne die Kunst gäbe es diese Menschen nicht.)

Und es gibt Arme, die sich mit Leib und Seele in die Künste hineinstürzen. Sie leben nicht mit der Kunst. Sie schmücken sich nicht mit der Kunst. Sie leben erst durch die Kunst. Sie verdanken der Kunst alles in ihrem Leben.

Weil die Kunst für die Armen da ist, will sie aufwecken. Jede Kunst, die zum Einschlafen aufruft, ist keine Kunst. Sie wird nur als solche verkauft. Kunst muss Geld einbringen, denn sie wird hart erarbeitet. Sie zu genießen bedarf aber keiner Bezahlung.

Auch deshalb ist Kunst für die Armen da: Jeder kann sich ihr ohne Gegenleistung widmen.

1. Mai 2017

Die Unfähigkeit zu trauern

Am 14. Oktober verschwinden von einem Moment auf den anderen 170 Millionen Menschen. Exakt zwei Prozent der Menschheit. Keiner weiß, wo sie abgeblieben sind. Niemand weiß eine Antwort darauf, warum es die einen aus der Welt geworfen hat und die anderen nicht. In einigen Städten gibt es nicht eine Person, die vermisst wird, in anderen Orten werden ganze Familien radikal dezimiert.


 

Irgendwann einigen sich die Verbliebenen, die keine plausible Erklärung für das Ereignis finden, von einer plötzlichen Entrückung zu sprechen. Ein Forschungsinstitut wird gegründet, das statistisch erfassen soll, was all die Verschwundenen gemeinsam hatten. Viele wissen nicht, wohin mit ihrer Trauer. Kommen ihre Lieben, ihre Freunde, ihre Nachbarn wieder zurück? Getrauert werden kann nur um Tote, nicht um Verschwundene…

Wie mit den Zweifeln umgehen?


Doch der Alltag muss für die Zurückgelassenen weitergehen. Arbeit muss getan werden, Kinder müssen erzogen werden, Einkäufe sollten erledigt werden. Irgendwann wachsen die Zweifel: Warum bin ich noch da? Verschwanden die Menschen, weil sie reineren Herzens waren und von Gott erlöst wurden? Oder wurden sie als Sünder in die Hölle geschickt? Warum aber entflohen auch Babys, manche gar als Säuglinge aus dem Mutterleib?

Die meisten versuchen das Leben zu nehmen wie es ist. Auch wenn das schwer fällt. Nach einiger Zeit fällt der Glaube daran, dass es irgendwie weitergehen kann, nicht mehr ganz so schwer wie zunächst. Doch nicht alle wollen sich dieser Vorstellung, trotz des Verlustes einfach so zu tun, als wäre nichts passiert, beugen. Die Kirchen erhalten nicht mehr, sondern weniger Zulauf. Obwohl sich doch mit der plötzlichen Entrückung jene christliche Lehre wie aus dem Nichts zu bewahrheiten scheint, dass vor der Wiederkunft von Jesus Christus die Gemeinde in den Himmel „abgeholt“ wird - und für die Hinterbliebenen Jahre der Trauer warten. Aber die Skepsis gegenüber Gott scheint, einmal in der Welt, nicht mehr rückgängig zu machen zu sein.

Schuldig Verbliebene


Stattdessen bilden sich (pseudo-)religiöse Gruppierungen. Manche ernennen sich selbst zu Erlösern, weil sie versprechen, die Last von den Schultern der Menschen zu nehmen. Einigen gelingt es sogar - und sie lassen sich dafür reichlich belohnen. Andere wollen partout nicht vergessen und schließen sich zu einer Vereinigung der „schuldig Verbliebenen“ zusammen. Sie tragen nur noch weiße Kleidung, sprechen nicht mehr, ernähren sich von geschmacklosem Brei und rauchen als Zeichen ihres Glaubens an die Kraft der ohnmächtigen Trauer pausenlos Zigaretten.

Was kümmert denn diese lebenden Toten noch ihre eigene Gesundheit? Diese Sekte hat es sich zum Ziel gesetzt, ihren Mitmenschen eine Warnung zu sein. Dafür ist ihnen jedes Mittel recht. Die Mitglieder postieren sich in Kleingruppen vor Wohnhäusern und protokollieren das Leben der Anderen. Sie brechen in die Häuser ein und stehlen Fotos der Verschollenen. Und schließlich sorgen sie sogar dafür, dass sie in erstarrter Form noch einmal zurückkehren.




In einer Welt, in der plötzlich Millionen von Menschen verschwinden, kann es keine Sicherheit mehr geben. Was einmal ohne Grund passiert, kann es auch ein zweites Mal. Nicht wenige verlieren den Verstand - aber sind sie wirklich verrückt, wenn sie mit fremden Zungen sprechen, oder erhalten sie Botschaften aus der anderen Welt? Und dann sind auch noch die Hunde wild geworden. Sie vertrauen den Menschen nicht mehr, weil sie Zeugen der Entrückung wurden. Sie kehren in die Wildnis zurück. Nicht unmöglich, dass die verbliebenen Menschen ihnen folgen werden.

„The Leftovers“, als Roman von Tom Perrotta wie als HBO-Serie, liefert einen der hellsichtigsten Stoffe unserer Zeit. Es ist eine kluge Parabel auf die Erosion von Glaube und kulturellen wie psychologischen Gewissheiten sowie die Unfähigkeit zu trauern. Zugleich ist es eine durchaus schwer verträgliche, düstere Erzählung, als Fernsehserie stark besetzt, suggestiv inszeniert und mit der pointierten und schlicht unvergesslichen Musik von Max Richter unterlegt.

 

Ich kann mich dieser Geschichte schon deshalb nicht entziehen, weil sie geradezu furchtlos über die Melancholie (unserer Zeit) brütet - und weil der 14. Oktober mein Geburtstag ist.

25. April 2017

Von Poesie und Schönheit umwölkt

Schon mit dem ersten Disney-Film lernt man im Windelalter: Das Kino lädt zum Lachen ein, rührt zu Tränen, erregt Angst und Schrecken und kennt keinen einzigen Moment der Langeweile. Wenn man nichts falsch macht im Leben, dann macht man diese Erfahrung mit jedem weiteren Film, der einen auf der großen oder kleinen Leinwand für einen Moment aus dem Alltag lockt.


 
Doch sowie man irgendwann versteht, dass sich hinter den Märchen doch andere Botschaften verbergen, als zunächst auf den ersten Blick deutlich ist, so kann es passieren, dass statt der üblichen Unterhaltungsware plötzlich ein Film über die Mattscheibe flimmert, der durch seine Inszenierung von Zeit, Gesten, Bewegungen und Gedanken zutiefst verstört. (Diese Erkenntnis wird ironischerweise vor allem zunächst im Fernsehen gemacht, also dort, wo solche Streifen eigentlich am schlechtesten aufgehoben sind.) Weil er anders ist. Weil er vor allem den Intellekt herausfordert.

Kurz gesagt: eine ungeplante Begegnung mit Kunst


Für mich war eine dieser ersten „magischen“ Momente „Die zwei Leben der Veronika“ von Krzysztof Kieślowski. Ich weiß nicht mehr, wie alt ich war, als ich dieses poetische Vexierspiel zum ersten Mal sah. Allerdings weiß ich noch, dass ich mich nach den doch etwas frühen Konfrontationen mit „Uhrwerk Orange“ von Stanley Kubrick, „Zeugin der Anklage“ von Billy Wilder und einer erstaunlichen Menge von Hitchcock-Schockern aus irgendeinem Grund herausgefordert fühlte, den erstbesten Film anzusehen, zu dem in der Programmzeitschrift (damals noch „Hörzu“, damals noch ernst zu nehmen) das Etikett „anspruchsvoll“ angeheftet war. Und ich weiß noch, dass ich „Die zwei Leben der Veronika“ nicht zu Ende gesehen habe.

Zu wenig verstand ich, was die in zartes, schummriges Grün getauchten Bilder zu bedeuten haben. Zu sehr missfiel mir, dass es eigentlich keine Geschichte gab, die erzählt wurde, sondern dass es „lediglich“ um die Befindlichkeiten zweier Frauen ging, die doch eines sind oder zumindest so vieles gemeinsam haben, dass man sie getrost als Doppelgängerinnen bezeichnen kann. Zu wenig begriff ich, dass es sich hier um eine transzendente Welt drehte, möglicherweise eine ausgedehnte Tagtraumfantasie, die nach dem Alice-im-Wunderland-Prinzip sofort in Deckung geht, sobald man einer Deutung näher kommen will.


 
Man kann „Die zwei Leben der Veronika“ philosophisch nennen (Kieslowski, der Theaterwissenschaften und Film studiert und auch einige Zeit als Kostümschneider gearbeitet hatte, hätte diese Sichtweise wohl pikiert abgelehnt, zu sehr verstand er sich als fleißiger Handwerker und Bildfinder). Oder esoterisch (schließlich handelt er offenbar von einer Seelenwanderung). Oder prätentiös (mit Blick auf die „Drei Farben“-Trilogie lässt sich auch dieser Film als eine politische Allegorie lesen, in dem das Schicksal von Veronika/Véronique auch mit dem der Länder Polen/Frankreich verglichen werden kann).

Zärtlicher Blick


Vor allem aber ist dieses melancholische, umständliche, in sich gekehrte Mysterienspiel eine Liebeserklärung an die großartige Irène Jacob, die den Spagat zwischen diesen beiden Frauenfiguren atemberaubend subtil meistert. Dass ein Film sich so sehr in seine Protagonisten einfühlen kann, dass jedes Stilmittel, von der Kameraführung, über den Schnitt bis hin zur poetischen Kammermusik von Zbigniew Preisner, ganz und gar nur noch sie, also Veronika und Veronique, umschmeichelt, habe ich vor so vielen Jahren, als sich das Kino mir noch wie ein dunkler Kontinent zum Entdecken ausstreckte, nicht begriffen.

Nun, da ich „Die zwei Leben der Veronika“, den ersten Film DIESER ART in meinem Leben, noch einmal gesehen habe, verstand ich. Oder glaube es zumindest.

24. April 2017

David Lynch von A-Z: Geheimnis

Eigentlich bergen alle Filme von David Lynch irgendein Geheimnis (kongenial deshalb auch die deutsche Übersetzung seiner TV-Serie „Das Geheimnis von Twin Peaks“). Vielleicht auch deshalb, weil Lynch wie kaum ein anderer Filmemacher darauf vertraut, dass die wesentliche Magie des Kinos darin besteht, dem Zuschauer etwas zu zeigen, von dem er nicht weiß, wie es entstanden ist.



Bis heute rätseln Filmfans, welches Material Lynch für das unheimliche „Baby“ in „Eraserhead“ verwendete. „Was Geheimnisse so interessant für mich macht, ist das mysteriöse Drumherum: ein düsteres Geheimnis…Allein schon die Worte ‘düsteres Geheimnis’ sind einfach wunderschön“, sagte Lynch einmal in einem Interview. Und seine Figuren bleiben, auch wenn sie stets auf der Suche nach der Wahrheit sind, irgendwie stets davor stehen, bevor sie sie ergreifen. Sie schauen zwar in Heizungsrohren, Kleiderschränken und in merkwürdigen blauen Kästchen nach, doch sie haben vor dem Zuschauer keinen Wissensvorsprung. Und auch andersherum weiß der Zuschauer nie, wohin die Reise der nicht selten verunsicherten Charaktere gehen wird.

Diese „Strange Worlds“ werden von zwergwüchsigen Männern und Kreaturen auf fernen Planeten gesteuert, deren Motivation wohl nicht einmal sie selbst kennen. 

Lynch: „Ich hoffe eigentlich, dass ich niemals die allumfassende Antwort erhalten werde, es sei denn, sie geht einher mit einem gewaltigen Schuss an Glückseligkeit. Ich mag den Prozess, in ein Geheimnis einzudringen.“

19. April 2017

Geplant planlos, gleichsam Wildwuchs

Diesen Blog würde es in dieser Form nicht geben, wenn ich nicht irgendwann Michel de Montaigne für mich entdeckt hätte. Seine Vorstellungen, wie man das Leben schreibend bewältigt - der Nachwelt in seinen zurecht berühmten „Essais“ hinterlassen -, hat mich tief geprägt und meinen Wunsch gestärkt, selbst eine Sprache zu finden, wie man mit dem Wildwuchs der Weltläufte umgehen kann.

Während mir das essayistische Denken nicht eben zuletzt wegen Montaigne zum Vorbild für selbstbewusste Reflexion wurde, beeindruckte mich vor allem auch die in all seinen Schriften sichtbare Konzentration auf den Umstand, dass jedes noch so unschuldige Hinterfragen des eigenen Handelns nur zu einer Frage führen kann: „Wie soll ich leben?“

Die Schriftstellerin Sarah Blakewell hat sich dieser im Grunde in jedem der „Essais“ von Montaigne mitschwingenden Fragestellung angenommen und in einem scharfsinnigen, biographischen Büchlein („Wie soll ich leben? oder Das Leben Montaignes in einer Frage und zwanzig Antworten“, C.H. Beck 2016) die  lebensphilosophischen Maximen des passionierten Weltenbummlers und Weingutsbesitzers herausgearbeitet. Eine natürlich auch moralische Handreichung zum gelungenen Leben, das eben nicht abhängig ist vom erlebten Glück, sondern vor allem von dem Wunsch, zu entdecken, zu erfahren und zu verstehen.

  • Habe keine Angst vor dem Tod!
  • Lebe den Augenblick!
  • Werde geboren!
  • Lies viel, vergiss das meiste wieder, und sei schwer von Begriff!
  • Verkrafte Liebe und Verlust!
  • Bediene dich kleiner Tricks!
  • Stelle alles in Frage!
  • Habe ein Hinterzimmer in deinem Geschäft!
  • Sei gesellig! Lebe mit anderen!
  • Erwache aus dem Schlaf der Gewohnheit!
  • Finde das rechte Maß!
  • Bewahre dir deine Menschlichkeit!
  • Tu etwas, was zuvor noch nie jemand getan hat!
  • Schau dir die Welt an!
  • Mach deinen Job gut - aber nicht zu gut!
  • Philosophiere nur zufällig!
  • Bedenke alles, bereue nichts!
  • Gib die Kontrolle auf!
  • Sei gewöhnlich und unvollkommen!
  • Das Leben sei die Antwort!

15. April 2017

David Lynch von A-Z: Feuer

Kein Bild in Lynchs Werk ist so stark wie das Feuer, das zum Leitmotiv in „Twin Peaks“ wird (Fire Walk With Me), in „Wild At Heart“ erotische Leidenschaft und Aggressionen ganz gegenständlich in Beziehung setzt und vor allem auch auf der akustischen Ebene in eigentlich jedem Film präsent ist. 

Auch ein Soundtrack-Album Lynchs trägt das Feuer bereits im Titel („The Air Is On Fire“). Das Element ist in den Filmen des Regisseurs mehr als nur eine Metapher (so wie bei Andrej Takowskij das Wasser), es steht als geradezu kreative, narrative Kraft für sich – so wie das Haus, das in „Lost Highway“ in Flammen aufgeht.

11. April 2017

Schwarzes Loch

Das Gefängnis existiert gleich zweimal. Es gibt das dunkle, metallverhangene Verließ, in dem viele zu Recht verurteilte Verbrecher und einige wenige zu Unrecht inhaftierte Pechvögel einsitzen. Und es findet sich jene Strafkolonie als Dunkelwolkenschloss in den Gedanken der Menschen, die noch nie einen solchen Bau von innen gesehen haben - und sich vielleicht wünschen, dass sie ihn niemals sehen werden. 

Für die einen ist es ein Ort ohne Ausgang, für die anderen ein Ort ohne Eingang.

Natürlich hatte Foucault recht: Es sind die Armen und Verrückten, die eingesperrt werden. Aber in den Gefängnissen können sich die Geschundenen und Geschnittenen auch vor der Gesellschaft sicher fühlen, die sie erst ausschließen wollte und nun wegen ihrer frevelhaften Taten wegschließen konnte. Wahrscheinlich fliehen mehr Menschen in den Bunker, als dass sie aus ihm heraus entkommen.

Manchmal, aber eher selten, befreit die Zeit im Gefängnis von den Sorgen des Alltags, denn hinter Gittern gibt es nur ein Leben in Anführungszeichen. Für das Notwendigste ist gesorgt, der Rest wird erkämpft. Was für jene, die es erdulden müssen, ein Vegetieren unter einer kargen symbolischen Ordnung ist, verzerrt sich für die Unbescholtenen in Freiheit zum Klischee. Man kann sich nicht als Gefangener vorstellen. Man ist es - oder eben nicht.



Deshalb ist der Knast eine dankbare location für Roman, Film und TV. Hier ist der Mensch noch Mensch: nackt, entwicklungsfähig, roh. von allen Fesseln des lifestyle befreit.  Einige der größten humanistischen Werke der Erzählkunst spielen in diesen schwarzen Löchern, in die eben nicht nur der Abschaum gesaugt wird.  Es leben reichlich viele edle Wilde hinter Stahlgardinen.

„Ein Käfig ging einen Vogel suchen“, dieses so bekannte wie eigensinnige Gedankenspiel aus den Zürauer Aporismen von Franz Kafka, verdeutlicht, dass die menschliche Furcht vor der Freiheit ganz sicher kein Mythos ist. 

Das Gefängnis nimmt nicht Mörder oder Vergewaltiger oder Langfinger auf. Es zieht Betrüger und Lügner und Schwachbeseelte an. Auch wenn ihnen deswegen niemand den Prozess macht, so ist das Zuchthaus für seine Bewohner vor allem eine Moralanstalt, in der keine Verbrechen gesühnt werden, sondern Selbstkonfrontation an der Tagesordnung ist.

Dass dies auch für all die vermeintlich in Freiheit lebenden Menschen ein Problem wäre (nur die wenigsten leisten sich den masochistischen Luxus, zum Moralisten zu konvertieren), beweist nur, dass die Mauern zwischen Gefängnis und Welt wesentlich dünner sind, als gemeinhin angenommen wird.

10. April 2017

Lohn des Lehrers

In einer von Anerkennung besessenen Welt, in der viele Menschen über den Zustand eines nach ständigem Lob gierenden Narziss' augenscheinlich nicht hinauskommen, hat es ausgerechnet  der Lehrer schwer, die Früchte seiner Arbeit zu ernten. Meist finden seine Gedankenanstöße, zweideutigen Warnungen oder gut gemeinten Ratschläge erst sehr viel später Anklang im Leben seiner Eleven. 

Dann wenn er ihnen nicht mehr auf die Schulter klopfen kann. Aber auch dann, wenn ihm als Weltenöffner nicht mehr gedankt werden kann. Der Lohn des Lehrers bleibt die nur auf den ersten Blick karge Erkenntnis, dass es auf dieser Welt nicht allzu viele Wegweiser wie ihn gibt.

6. April 2017

Internet

Fasse dich kurz, sei bildhaft und symbolisch, erzähle eine Geschichte, vereinfache und übertreibe.
Max Lisewski

30. März 2017

Letzte Tränen

„Ich war ein Kind, sieben oder acht Jahre alt, ich befand mich in einem freistehenden Haus, in der Nähe des geschlossenen Fensters, ich blickte nach draußen - und auf einmal, nichts könnte plötzlicher sein, war es, als ob der Himmel sich öffnete, sich dem Unendlichen unendlich öffnen würde, um mich durch diesen überwältigenden Moment der Öffnung einzuladen, das Unendliche, aber das unendlich leere Unendliche anzuerkennen. Das Ergebnis war befremdlich. Die plötzliche und absolute Leere des Himmels, nicht sichtbar, nicht dunkel - Leere von Gott: Das war explizit, und es überstieg darin den bloßen Verweis aufs Göttliche bei weitem -, überraschte das Kind mit einem solchen Entzücken, und einer solchen Freude, dass es für einen Moment mit Tränen erfüllt war, und - ich füge um die Wahrheit besorgt hinzu - ich glaube, es waren seine letzten Tränen.“

Maurice Blanchot: Die andere Urszene. Berlin 2008, S. 19. 

29. März 2017

Menschen weinen

Menschen weinen, weil sie verzweifelt sind. Weil sie einen Menschen verloren haben. Weil sie mit ihrem Partner gestritten haben. Weil sie Liebeskummer haben. Weil sie wütend sind. Weil sie enttäuscht sind. Weil sie sich selbst bemitleiden. Weil sie Angst haben. Weil sie Schmerzen spüren. Weil sie gestresst sind. Weil sie erschöpft sind. Weil ihr Haustier Schmerzen hat oder gestorben ist.

Weil jemand in Not unerwartet Hilfe bekam. Weil sie Mitgefühl haben. Weil sie erleichtert sind. Weil sie glücklich sind. Weil sie von Musik gerührt sind. Weil sie von einem Film bewegt wurden. Weil ihr Sohn oder ihre Tochter geboren wurde. Weil sie den Sieg oder die Niederlage in einem sportlichen Wettkampf gesehen haben. Weil sie Gründe dafür haben, die nur sie selbst kennen. 

28. März 2017

Das Glück ist kurz. Genießen wir es.

Nichts schockiert die Menschen so sehr, als wenn ihre Lieblingsserien abgesetzt werden, Bands sich auflösen, der vertraute Italiener um die Ecke verschwindet oder Bekanntschaften aus dem eigenen Blickfeld geraten, die man - möglicherweise einseitig - als Freunde wähnte.

Noch enttäuschender ist es in der Liebe, wenn das, was einst feierlich als gemeinsam entwickelter Zukunftstraum begann, als mit zwei Kugelschreibern dahin skizzierte Geschichte eines Paares, plötzlich ein Ende findet. Das mag Gründe haben. Oder auch nicht. Auf jeden Fall schien da irgendetwas zu fehlen.


Die Story braucht immer einen Kniff, damit sie weitergeht


Warum kann denn nicht noch eine Staffel folgen, die Figuren haben doch so viel Potential? Wieso schreiben sie dieses eine Lied nicht einfach noch mal, merkt doch keiner? Weshalb muss denn immer einer in der Beziehung der erste sein, der „Hallo“ sagt?



Anscheinend fehlt uns ein Konzept, wie wir mit dem „Auserzählten“ umgehen können. Nicht alles, was gut ist und von Bedeutung, braucht eine Fortsetzung oder ein Revival. Die große Liebe kann kurz sein, bei manchen reicht es nur für ein paar Monate, manchmal sogar nur für Tage. Aber vielleicht halten die Gefühle, wenn sie eben nicht mit den Hoffnungen verrechnet werden, die von all den Plakaten grüßen, ein Leben lang.

Es gibt Serien, die werden nach nur einer Season abgesetzt und bleiben trotzdem für immer in Erinnerung. Es existieren Bands, die haben nur eine Platte aufgenommen und touren damit eine Karriere lang durch die Welt. Glücklich. Die Pasta, die in einem kleinen Restaurant am Gardasee genossen wurde - sie macht all den anderen Italienern im eigenen Land spielend Konkurrenz. Und auch wenn dieser Mensch, mit dem wir so vortrefflich über alles sprechen konnten, dessen Lachen wir so gerne jeden Tag wiedersehen würden, plötzlich verschwunden ist, die Erinnerung an die gemeinsame Zeit ist stärker als die Vorstellung, jede Woche zur selben Zeit gemeinsam in einem Café zu sitzen.

Das Glück ist kurz. Genießen wir es.

24. März 2017

David Lynch von A-Z: Esoterik

Seit sich David Lynch für die Transzendentale Meditation stark macht, wird sein Werk in einem völlig anderen Licht betrachtet. Während einige Kritiker in dem esoterischen Kauderwelsch, das Lynch auch auf merkwürdigen Podiumsdiskussionen loslässt (z.B. in Berlin, wo eine Veranstaltung nach Studentenprotesten im absoluten Chaos endete), einen Ankerpunkt gefunden haben, um ihre Abneigung gegen die Filme des Amerikaners zu begründen, haben selbst glühende Fans Schwierigkeiten, mit Lynchs spirituellen Aussagen umzugehen.

Spirituelle Filme


David Sieveking drehte mit „David Wants To Fly“ eine glänzende Doku-Satire, die das Dilemma veranschaulicht. Der Meister düsterer Gegenwelten hat in einem Buch namens „Catching The Big Fish“ – das im Januar 2016 zum ersten Mal auf Deutsch erschienen ist – auch noch eine Anleitung zur friedfertigen Meditation und einem gelungenen Leben gegeben. Darin erzählt er von seinen tiefen Erfahrungen mit dem Tempo des Lebens, warum „Eraserhead“ sein spirituellster Film ist und wie man Musik richtig hört.


Dabei sind auch Lynchs Filme von einer zuweilen bizarren Esoterik geprägt. Wenn Agent Dale Cooper (Kyle McLachlan) in „Twin Peaks“ mit einem Buchstaben- und Dosenspiel versucht, den Mörder von Laura Palmer zu ermitteln, wird dieses Vertrauen in eine Welt, in der nichts zufällig ist und der Zugang in derartige Paralleluniversen (The Red Room!) nur wenigen Individuen zugänglich ist, auf geradezu sanftmütige Weise versinnbildlicht. Wenn Sie das „Spice“ in „Der Wüstenplanet“ für Sci-Fi-Quatsch hielten und die Schlussszene von „Blue Velvet“ für puren Kitsch, täuschen Sie sich eventuell.

20. März 2017

Zwei Zutaten

„Gibt es schließlich eine bessere Form, mit dem Leben fertig zu werden, als mit Liebe und Humor?“
Charles Dickens

17. März 2017

David Lynch von A-Z: Dumbland

David Lynch kreierte nicht nur mit „The Angriest Dog In The World” einen genialen wöchentlichen Comic-Strip (der stets aus den selben Bildern bestand und nur eine Variation der Dialoge darstellte), sondern auch eine radikal-minimalistische Zeichentrickserie namens „Dumbland“, die lediglich acht kurze Episoden trug und zunächst auf seiner Website eingestellt wurde.

Mit kruden Animationen zeigt der Künstler hier Situationen aus dem Leben eines typischen weißen Amerikaners des Kleinbürgertums. Natürlich geht es auch hier seltsam, wenn nicht gar vulgär zu. Nachbarn haben Sex mit Enten, es wird eher geschrien als gesprochen, Blut spritzt aus den Köpfen der Figuren und Ameisen spielen eine furchterregende Nebenrolle.

13. März 2017

Liebeserklärung an „American Beauty"

Wer hätte je gedacht, dass es möglich sein könnte, wegen einer Plastiktüte in Tränen auszubrechen?


„American Beauty“ wird uns auch noch weinen lassen, wenn wir ihn zum einhundertsten Mal sehen. Das liegt daran, dass der Film mit ungeheurem Feingefühl (und natürlich vielen treffenden Sprüchen) eine Riesenportion Melancholie über seine Figuren ausschütten lässt und sie genüsslich dabei beobachtet, wie sie sich, mehr schlecht als recht, freischwimmen.

Natürlich ist da Lester Burnham, diese vom Leben kleingestampfte Wiederkehr von Nabokovs Humbert Humbert, der sich vom amerikanischen Traum, gelinde gesagt, verarscht fühlt und nun wie ein pubertierender Teenager dagegen ankämpft. Klar, das ist ein armes Würstchen ("Sehen sie mich an: Ich hole mir unter der Dusche einen runter. Dies ist der Höhepunkt meines Tages. Von hier an geht's nur noch bergab.") – aber trotzdem keiner dieser Jammerlappen, wie sie in all den Hipster-Filmen und Midlife-Crisis-Dramen dahinvegitieren.


Regisseur Mendes und Drehbuchautor Alan Ball gelingt es vorzüglich, den Zuschauer mit ins Boot zu holen und ihn mitfiebern zu lassen, mit welchen Mitteln Mr. Burnout seiner Krise zu entrinnen versucht und dabei, ganz ohne es zu bemerken, weiter hineingerät. Dass ihm – und zugleich uns stummen Zeugen dieser hellsichtigen Dramödie – dabei trotz allem ein Licht aufgeht, das Leben in seiner ganzen Fragilität und Schönheit erkennen lässt, ist ein kleines Wunder, das sich das Kino eigentlich viel zu selten erlaubt und kleinlaut an die anderen hohen Künste abschiebt.

Okay, „American Beauty“ ist eigentlich Theater: die kraftvollen, gemarterten Figuren, die mit der Schärfe eines bergmannschen Rasiermessers auseinandergenommene Verlogenheit der Kleinstadtidylle, diese zum Witz aufgebrühten Szenen einer Ehe. 

Aber es ist auch große Literatur – an „Lolita“ geschult (und natürlich klingt Burnham fast wie Humbert; zuviel Hochgeistigkeit für das amerikanische Publikum, aber das bekommt zur Lehrstunde in Sachen antikes Drama mit astreiner Katastrophe und Trauerchor von den Beatles/Elliott Smith ja trotzdem eine Menge Erdnussbutter, Teenage-Angst und Sozialsatire gereicht), an Tschechow ebenso.

Sowieso besteht die Kunstfertigkeit von „American Beauty“ darin, dass hier allerhand Nöte bebildert werden, die Protagonisten ihre klammen Herzen öffnen, ohne dass es je peinlich würde. Der Schuss Surrealismus, den Mendes seiner éducation sentimentale verpasst, bleibt für alle Ewigkeit. Nicht nur, weil Millionen von Frauen für ihren Liebsten wie Mena Suvari nackt in Rosen baden, um ihn vielleicht zum Hochzeitstag mit einem frechen Foto zu überraschen – sondern weil surrealistische Bilder auf der Leinwand eben selten geworden sind. Bunuel ist davongeflogen, Jodorowsky scheint irgendwie doch ein Clown zu sein und Lynch kriegt keinen Film mehr finanziert.


Die von Paula Abdul ergreifend choreographierte Cheerleader-Szene demaskiert all die Männer-Sehnsüchte im mittleren Alter, und gibt sie eben nicht der Lächerlichkeit preis. Letztlich gewinnt eine zwielichtige Romantik, ein banges Hoffen auf eine letzte Spätblüte, die Oberhand. Und der Film gönnt der frustrierten, natürlich depressiven Familienmutter Carolyn, hochkomisch und mit dem richtigen Schuss Verzweiflung gespielt von Annette Benning, ihre Affäre mit dem Immobilien-Hai der Stadt („Fick mich, euer Majestät!“).

Die schönste Pointe des Films ist aber, dass der einzige Hoffnungsträger ein kleiner mieser Dealer ist, der heimlich seine Angebetete mit der Kamera sondiert und ihr Opfer darbietet, als könne er seine Liebe gar nicht anders bezeugen. 

Dieser Ricky (herrlich autistisch dargestellt von Wes Bentley; allein sein erschrockener Blick, als er bemerkt, dass er mit seinen schrägen Aktionen tatsächlich das Herz von Jane Burnham erobern konnte, ist das Eintrittsgeld für den Kinobesuch wert) wäre in anderen, kleingeistigen Filmen ein Loser. Hier ist er der große Weltendeuter, der Melancholiker, der sich seiner eigenen Trauer ohne Grund mehr als jeder andere bewusst ist. ("An diesem Tag ist mir klar geworden, dass hinter allem Leben steckt. Und diese unglaublich gütige Kraft, die mich wissen lassen wollte, dass es keinen Grund gibt, Angst zu haben.")

Man kann von dieser Erkenntnis nicht ungerührt bleiben, denn sie wächst eben sprichwörtlich wie eine amerikanische Rose aus dem Misthaufen.Filigran ist aber auch das Spiel von Mena Suvari, die nach ihrem, nun ja: süßen, Auftritt in der Teenie-Klamotte „American Pie“ eine so mustergültige und doch nie sirenenhafte Verführerin gibt, die letztlich mit all dem noch nicht in Berührung gekommen ist, wofür sie ganz unschuldig wirbt. Ein bittersüßer Clou der auch hier grässlichen Adoleszenz, die einst selbst Dr. Sommer zitierte, um jungen Mädchen klar zu machen, dass der Schein mehr als einmal trügen kann.

All diese überlebensgroßen Dramen, die sich trotzdem nie unangenehm aufplustern oder gar je aufdringlich falsches Mitleid heischen, werden wunderbar treffend von den minimalistischen Klängen Thomas Newmans' eingefangen. Das zartfühlend dahinperlende Piano, das die im Wind tanzende Plastiktüte untermalt, bleibt ein leiser Gassenhauer der modernen Filmmusik – und das mit Recht. Aber wie funkelnd ist auch der Soundtrack: Nur wenige Sekunden preschen die Eels mit „Cancer For The Cure“ hervor („Beautiful Freak“, das Debüt der Band, war die erste Veröffentlichung auf Dreamworks Records, das von David Geffen, Steven Spielberg und Jeffrey Katzenberg wie eben auch die "American Beauty"-Produktionsfirma gegründet worden war. Der Song stammte allerdings vom todtraurigen Nachfolger “Electro-Shock Blues“) und so wahnsinnig prominent darf dann noch einmal „Allright Now“, der etwas angestaubte Riesen-Hit von Free, ertönen. Würden wir heute noch irgendetwas von Gomez hören, wenn nicht „We haven’t Turned Around“ hier aufgeschienen wäre?

Sam Mendes hat in seiner erstaunlichen Karriere noch keinen schlechten Film gemacht (auch wenn „Away We Go“ keiner sehen wollte und „Zeiten des Aufruhrs, diese so nötige wie umständliche Richard-Yates-Verfilmung, wohl seine Ehe mit Kate Winslet zerstörte) und darf nun schon zum zweiten Mal als Bond-Regisseur reüssieren.

Aber „American Beauty“, der ohne Produzent Steven Spielberg nie entstanden wäre, bleibt sein großes Meisterwerk: eine sensible, hochironische, humanistische Komödie mit Schreckmomenten, die ohne großes Aufsehen zu machen das womöglich klügste Generationenporträt lieferte, das das amerikanische Kino im letzten Jahrzehnt des alten Jahrtausends zu schöpfen in der Lage war. 

Dass es dafür einen englischen Theatermacher brauchte, ist eine jener Storys, mit der sich Hollywood nun einmal immer wieder vor dem eigenen Untergang durch allzu seichte Unterhaltung hinwegrettet.

ROLLING STONE online (zuerst erschienen am 31.Juli 2015)

10. März 2017

Mit schlechtesten Grüßen

Nichts wird so leichtfertig in die Welt geworfen wie ein Gruß. Jede klitzekleine, bedenkenlos dahingeschriebene Mail enthält einen - und sei es nur aus Gründen der Höflichkeit. Doch warum versehen so viele Menschen inzwischen ihre Gedanken, Forderungen und Fragen mit „besten Grüßen“?

Auf den ersten Blick ist gegen diese Freundlichkeitsformel nichts auszusetzen. Sie scheint ja nur eine ausdrucksstärkere Variante der „freundlichen Grüße“ zu sein. Supersuperlative machen es im Leben ja stets einfacher. Vielleicht ist die Anwendung dieser neuen Leerformel eine Reaktion darauf, dass die „herzlichen Grüße“ doch etwas zu persönlich geworden sind. Man will ja nicht gleich mit Arial-Buchstaben umarmen.


In Netzforen machen sich unzählige Menschen verzweifelt Gedanken darüber, was sie ihrem Chef unter die Dienstmail klemmen, wie der Professor gegrüßt werden sollte oder was der Hausarzt gerade noch ziemlich finden könnte, um beim nächsten Mal vielleicht einen früheren Sprechstundentermin anzubieten.

„Die Grußformel muss zum Angesprochenen passen“, antworten dann die Life&Work-Coacher. Wer „beste Grüße“ sendet, kann da ja nichts falsch machen - denn diese Grüße sind nicht nur gut, sie sind delikat, extraordinär, vom Feinsten. Besser eben als die der anderen. Als gäbe es selbst hier einen Wettbewerb.

Superlative kennen keine Zurückhaltung


Dabei sind Empfehlungen nicht qualitativ einzustufen. Wie könnte denn eine besser sein als die andere? Hier hat sich wohl nur wieder ein Ventil gebildet für eine sprachliche Chiffre aus der Arbeitswelt, die längst ins Private hinüberschwappt. Wer sich keine Blöße geben will, muss der Beste sein - und sei es nur beim Verabschieden.

Das wirkt vor allem in jenen Fällen erschreckend verlogen, wenn nach einer kaum versteckten Forderung oder einer unzureichend kaschierten Wutbotschaft trotzdem noch die „besten Grüße“ winken. „Freundliche Grüße“ können immerhin ausdrücken, dass man einen gewissen Anstand selbst dann noch wahrt, wenn der Ausnahmezustand längst eingetreten ist. Doch „beste Grüße“ kennen keine Zwischentöne. Wie jeder Superlativ.

8. März 2017

David Lynch von A-Z: Clowns

Die tragikomische Dimension der Clowns hat Lynch in vielen seiner Filme als Ausgangspunkt verwendet, um faszinierende Figuren zu erschaffen, die allesamt mit ihrer wahren Motivation hinter dem Berg halten und für den Zuschauer durch ihre groteske, wahnsinnige, aber eben auch komische Art, mit der Umwelt in Beziehung zu treten, unterhaltsam sind.

Die flirrende Welt des Zirkus' und der Jahrmärkte gab Lynch in Interviews als große Inspiration für seine künstlerische Arbeit an, verewigt wurde diese Faszination in „Der Elefantenmensch“. Aber mit seinem selbstständig eingespielten Album „Crazy Clowntime“ und dem dazugehörigen Titelsong samt psychedelischem Video fand er noch einmal einen völlig anderen Zugang zu dem Thema.

3. März 2017

People just ain't no good

I think that's well understood 
You can see it everywhere you look 
People just ain't no good

1. März 2017

SMS für dich

Früher, als der Speicherplatz noch beschränkt war, haben wir SMS gesammelt. Wir haben sie verteidigt gegen wortgewordenen Schund. Manchmal haben wir abgewogen, welche Liebeserklärung (oder welche Zornbotschaft) erinnerungswerter war. 
Die schönsten Kurzmitteilungen haben wir sogar abgeschrieben. Nun rollen die Sätze grinsend oder flennend übereinander hinweg. Was unbeachtet in der Vergangenheit abgelegt ist, verschwindet still und heimlich. Wir sollten wieder Flaschenpost verschicken.

28. Februar 2017

Die Apokalypse wird nicht eintreffen

Konziser, dringlicher muss es sein. Wenige Zeilen, dafür Bilder. Alle sprechen von Veränderungen, aber vor den Taten stehen immer die Worte. Wo sind die brenzligen Sätze? Weitergehen, oh Leben – heißt Zäune bauen, um den Wohlstand und die Sicherheit vergangener Tage zu retten. Wozu retten, was fault und stinkt? Die Zukunft wartet. Sie ist eigentlich die Gegenwart, die es zu besetzen gilt. Doch stattdessen: kollabieren in die Gegenwart. Ja, das ist es – in die Gegenwart hineinstürzen, ohne Netz und doppelten Boden. Wo sind die Manifeste? Und wenn es sie gibt, warum sind sie so zahm oder bestenfalls Parodien auf die großen Manifeste einer längst verblichenen Epoche?

Überall brennen die Zeichen, nur keiner merkt’s. Die Zeichen sind zur Realität geworden. Die Scheiße fließt ins große Meer – und sie bringt den Tod. Trotzdem: weiter graben, weiter bohren. Schreien, weinen, vielleicht auch beten, damit alle zuhören und endlich die Augen öffnen. Apokalypse, das ist kein Zustand, sondern ein Modell. Für den vom Tod getriebenen ist es eine Utopie. Aber die Apokalypse wird nicht eintreffen. (Die Welt wäre allerdings eine bessere, wenn mehr Menschen apokalyptisch denken würden.)



Alle Begriffe, alle Bilder sind doch da. Man muss sie nur in die Hand nehmen und ordentlich durchkneten. Wo sind die Neologismen, die garantiert kein Wörterbuch aufnimmt? Überschriften, Zitate, auch mal eine Unterschrift setzen, die lesbar ist. Links denken, rechts fühlen: Wo ist das Zentrum unseres Handelns? Es war mal das Herz, nun ist es das Hirn. Aber das Hirn pocht nicht, es ist nicht mechanisch. Es funktioniert elektrisch. Es pulsiert. Es ist ein labyrinthisches System, verworren, komplex, undurchdringbar. Hat schon jemand danach verlangt, das Hirn zu fühlen, das Hirn zu denken?

Stattdessen zurück zum Herzen, aber nicht aus nostalgischen Gründen. Statt traurig und verzweifelt das System zu dechiffrieren, sollten wir uns, um neue Plateaus zu erreichen, an die Ströme koppeln.

27. Februar 2017

Gib's mir, Tor!

Warum wollen eigentlich so viele Schriftsteller über den einfachen Menschen schreiben? Es handelt sich doch um ein Unterfangen, das so regelmäßig scheitert wie das Notieren eines Traums.

23. Februar 2017

David Lynch von A-Z: Bacon

David Lynch begann seine künstlerische Karriere als Maler, studierte an der Pennsylvania Academy of Fine Arts, wo er vor allem düstere Gemälde entwickelte (einige davon wurden in der Wanderausstellung „Dark Splendor“, die im Max-Ernst-Museum in Brühl gezeigt wurde, ausgestellt). Seine Einflüsse hat der Universalkünstler dabei – in Interviews ansonsten eher verschwiegen, was Ursprünge und Bedeutungsebenen seiner Werke angeht – überraschend deutlich offengelegt.

Neben den Filmen von Bergman, Kubrick und Fellini sind als künstlerische Vorbilder wohl Edward Hopper, Henri Rousseau und vor allem Francis Bacon bedeutsam, der mit seiner Darstellung von gequälten und in den erschreckendsten Positionen verrenkten Körpern mit ähnlicher Präzision wie Lynch, vielleicht aber noch eine Spur abstrakter, das Eindringen des Unheimlichen ins für uns alle alltägliche Leben zeigte.

Six Figures Getting Sick


Von Bacon hat Lynch den ambivalenten Zugang zur Reflexion von Gewalt, ganz konkret zu beobachten bei grotesken und aggressiven Figuren wie Frank Booth („Blue Velvet“) und Bobby Peru („Wild At Heart“), deren Gesichter von den Schauspielern Dennis Hopper und Willem Dafoe ganz ähnlich verzerrt werden wie die menschliche Anatomie bei Bacon. In dem frühen minimalistischen Animationsfilm „Six Figures Getting Sick“, eher noch Kunstinstallation als Film, ist der Einfluss des britischen Malers aber (noch) am deutlichsten zu sehen. Ein erschreckendes Frühwerk.