16. Dezember 2015

Extrablatt

Tageblätter in Zeiten des i-Pads

Wahrscheinlich wird es in 50 Jahren keine Tageszeitung mehr geben. Oder wenn es sie noch geben wird, dann wird sie als nette Dreingabe für Nostalgiker verkauft. 

Schon klar, es ist ganz wunderbar über das i-Pad und alle seine Gespielinnen zu streicheln, um den täglichen Ereignissen hinterher zu spüren. Es fühlt sich gut an, nicht ständig zum Kiosk rennen zu müssen, um informiert zu sein oder kein regendurchnässtes Zeitungspapier vor der Tür aufsammeln zu müssen. Jede unverstandene Textzeile sofort eigenhändig zu überprüfen oder jeden interessanten Inhalt mit Bildern, Klängen und so weiter aufgewertet zu bekommen ist wirklich fantastisch. Aber: Wie kann so ein hübsches elektronisches Gerät den erotischen Kitzel der täglichen Zeitungslektüre ersetzen? Allein der bittersüße Lesezwang, der unweigerlich Spuren hinterlässt, ist gleichzeitig Genuss und Qual. Zerknittert, auseinandergenommen, gefaltet und gewalzt verschwindet das gelesene Blatt im Papierkorb.
  
Der Stolz, der sich einstellt, das tägliche papierne Desaster überwunden, ja geradezu niedergerungen zu haben, ist jede Minute Lesezeit wert. 

i-Pads und i-Phones, die jederzeit zur abonnierten digitalen Zeitungslektüre die aufgefrischten Nachrichten des Tages liefern können, bieten diesen Genuss, aber auch die Qual nicht. Die Nachrichten können niemals durchgelesen werden. Sie finden ja kein Ende. Wer die Möglichkeit hat, den Nachrichten von gestern noch die Nachrichten der letzten Minuten anzufügen, der wird sie auch nutzen. Ständig rauschen neue Ereignisse über das Laufband der Geschichte, alle erwähnenswert – alle jederzeit abrufbar. 

Die Qual, der täglichen Zeitungslektüre nicht nachgekommen zu sein, kann der digitale Leser nicht entwickeln, es sei denn er ist ein Psychotiker. Nein, irgendwann muss einfach Schluss sein mit Politik, Wirtschaft, Kultur und Boulevard. Da wird schon aus diesem Grund kein Leidensdruck mehr aufgebaut. Das schlechte Gewissen, sich nur den Leitartikeln und dem Kreuzworträtsel gewidmet zu haben – anstatt den großen Rundblick zu wagen – wird einfach ersetzt, weil der Bildschirmleser viel stärker selektiert. Dazu kann er sich die interessantesten Themen abonnieren, um immer nur das zu lesen, was ihm spannend erscheint. Wenn das i-Pad ausgeschaltet ist, dann mahnt es nicht zur Zeitungslektüre. Eine noch nicht aufgeschlagene Zeitung zwingt zur Lektüre. Eine Zeitung will gelesen werden, unbedingt. 

Und mal ehrlich, wie kann man den simplen Handstreich über den Plasmabildschirm überhaupt mit dem Zauber vergleichen, eine Zeitung auseinanderzunehmen, sich an ihrem Papiergeruch zu delektieren, sie in die Breite zu zerren, nur um sie dann, ganz sorgfältig, in der U-Bahn auch mit äußerstem Fingerspitzengefühl, zurecht zu falten. Jedes Eselsohr eine Reliquie der geistigen Eroberung. 

Wie viele Falttechniken gibt es? 
So viele wie es Leser gibt. Jeder zerklüftet das Blatt anders. Mancher benötigt drei Flugzeugsitzplätze, ein anderer faltet das Papier in kleine Rechtecke. Der i-Pad-Leser braucht keine Angst vor Unordnung zu haben. Was er sucht, kann er bequem in die dafür vorgegebene Leiste eintragen, schwups hat er auch schon den ersehnten Artikel auf dem Schirm – inklusive aller Querverweise auf das Thema. Digitale Ordnung ist mehr wert als analoge. Denn was die Herausgeber peinlich genau in die Gazette gehoben haben, um zu informieren, zu bewegen und zu inspirieren, muss vom Leser ja auch erst einmal sortiert werden. Was ist wichtig? Was lohnt die Lektüre, was eher nicht? 

Natürlich ist es möglich, dass der Zeitungsleser etwas verpasst, das ihn interessiert. Vielleicht steht was er im Wirtschaftsteil vermutet diesmal im Feuilleton, nur ganz anders betrachtet. Auf den Rechnern für unterwegs ist schon alles bedarfsgerecht vorbereitet. Man kann es auch in die digitale Wolke zwängen, wenn es einmal wieder gebraucht wird. Aber ersetzt das den neckischen Spaß, gelungene Artikel auszuschneiden, sie akribisch mit Datum zu versehen, um sie dann entweder zu archivieren oder einem guten Freund zur Lektüre anzubieten? 

Natürlich kann ich einen Online-Artikel per Mail versenden. Doch ist das nicht etwas völlig anderes? Die Freude, ein vielleicht schon vergilbtes, aus der Zeitung in der Hetze herausgerissenes Stück Papier in den Händen zu halten, das neue Einsichten schenkt, ist weitaus größer, als einfach mal schnell über eine viel zu lange Online-Notiz hinwegzulesen. Überhaupt, was ist der Coolness-Faktor des smarten Geräts gegenüber dem intellektuellen Nimbus des Professors, der jeden Morgen die noch eingerollte Tageszeitung unter dem Arm spazieren trägt? Hier überträgt sich der Wert des gelesenen Produkts adäquat auf seinen Benutzer, denn er könnte ja auch etwas anderes lesen. 

Was ist das zarte Sirren der sich warm laufenden digitalen Schiefertafel gegenüber dem rauschenden Falten der Zeitung? 

Nach der Lektüre des Online-Tageblatts ist nur der Bildschirm des i-Pads durch den kreisend-ungeduldigen Fingerabdruck befleckt. Die Zeitung hinterlässt hingegen ihre Spuren auf den Zeigefingern, die nervös die Nachrichten abgetastet haben: Sie sind nun rußschwarz. 

Selbst die Werbung ist auf dem Papier viel schöner. Ätzende Kurzfilmchen flimmern über das i-Pad, Werbebanner versperren die Sicht auf das Wesentliche. Eigentlich kann man über Maschinen keine augenfreundliche Werbung produzieren. Sie stört immer. In einer Zeitung mag eine Kurzanzeige für einen Moment behelligen. Eine großflächige, seitenstarke Anzeige hingegen – intelligent geschrieben und klug fotografiert – kann tagelang für Aufsehen sorgen. 

Das i-Pad hat keine Haltung. Es mag schön anzusehen sein, kann blitzschnell und scharf allerlei Bilder auf den Schirm zaubern, aber es ist eines sicher nicht: politisch. Auf das i-Pad wird nur eine Meinung projiziert, mehr nicht. Seine Entwickler stehen den über ihr Gerät transportierten Inhalten völlig neutral und meinungslos gegenüber – es sei denn sie verstoßen gegen ihre Regeln. Politisch Radikales bleibt versperrt, Nacktheit wird nur in Ausnahmefällen erlaubt. Auch wenn große Verlage ihre Produkte über das i-Pad vertreiben, die Aufmerksamkeit gilt nur dem Gerät und in diesem Fall ihrem Erfinder. Dabei ist die Haltung, die es vermittelt, eine falsche. 

Eine Maschine ist nicht klug, moralisch integer oder inspirierend. Sie ist nicht einmal schön. Das ist ein Attribut, das man ihrem Design zuschreibt. Wichtig sind immer noch die Inhalte. Sie werden von Menschen in mühevoller Kleinarbeit hergestellt und mit der Hoffnung versehen, sie mögen nicht nur überflogen und leichtfertig heruntergeschluckt, sondern nachträglich verarbeitet und weitergedacht werden. 

Die Kunst des Zeitungsmachens ist es nicht, Informationen zu liefern. Dafür zahlt der Abonnent auch nicht. Vielmehr wollen Zeitungen Haltung zeigen, eine Wertevorstellung vermitteln, die für Orientierung sorgt. Sie setzen auf Meinungsvielfalt bei gleichzeitiger gedanklicher Kontinuität. Nachrichtenmedien, die wöchentlich oder monatlich erscheinen, können das nur eingeschränkt. Nachrichtenmedien, die sekündlich Stoff produzieren müssen, sind dazu überhaupt nicht mehr in der Lage. Das sind Gründe für die Wertigkeit der Tageszeitung. 

Vielleicht irrt man auch, wenn man glaubt, bei einem Zeitungsabonnement würde man einen etwas günstigeren Preis für die morgendliche Belieferung der Zeitung bezahlen. Eigentlich hinterlegt man mit dieser Zahlung eine Spende für den stellvertretenden Kampf einer kleinen regionalen oder großen überregionalen Kaste, die in einer unübersichtlich gewordenen Welt versucht, Ordnung zu schaffen und vor allem Orientierung zu bieten. Nicht fürs Einzelexemplar entrichtet man einen Obolus. Die gibt es sozusagen als Geschenk für die großzügige Unterstützung der Sache obendrein. 

Seit Jahren sinken bei den großen und wichtigsten Zeitungen weltweit Auflagen und – wirtschaftlich noch bedeutender – die Anzeigenverkäufe. Journalisten können nicht mehr zu den gleichen Bedingungen angestellt und ausgebildet werden. Man muss sich hier nichts vormachen: Dies bedroht über kurz oder lang die Recherchefreiheit und die Souverinität des Journalismus. 

Natürlich gibt es finanzielle Modelle, die dieses Dilemma auffangen können, aber die grundlegende Richtung, wie Nachrichten empfangen werden – wie Meinungen produziert und Ideen lanciert werden – hat sich verändert. Nichts spricht dagegen, dass die großen Verlage ihre täglichen Produkte mit einer Online-Ausgabe erweitern. Sie selbst finanzieren dieses Risiko und können sich bei Bedarf über den Gewinn freuen. Vertreiben Sie aber ihr täglich Brot (nur noch) mit dem i-Pad, dann können sie vielleicht auf eine andere Leserschaft zielen, die dem täglichen Papierwust skeptisch gegenübersteht, aber sie müssen dann nicht nur ihren Gewinn mit dem Erfinder der Lese- und Bildermaschine teilen, sondern auch das Prestige. Außerdem wäre dann ein Kulturgut bedroht, das seit vielen Jahrzehnten einen großen Teil zur bürgerlichen Identität beiträgt.

13. November 2015

Lösungen

Alle großen Probleme der Menschheit resultieren aus Unkenntnis der Gesetzlichkeiten der Psychologie und Ökonomie.

6. November 2015

12. Oktober 2015

Angstblüten: Computer

Abécédaire der Albtraumgewächse


Computer

Die Furcht vor dem schwarzen Bildschirm. Wenn nichts mehr geht. Alles eingefroren scheint. Alles Geschriebene hinfort ist. Entsorgt. Im Nichts verschwunden. Nicht mehr zurückzuholen. Computer werden nicht bedient. Das ist ein Irrtum. Sie bedienen uns. Sie sollten uns dienen. Sie können nur sein, wie man sie uns erfindet. Sie irren nicht. Sie funktionieren logisch. (Anders als wir Menschen, denn wir funktionieren eben nicht logisch, werden es auch nie.)

Der Computer verlangt nach Tastenkombinationen. Sensomotorische Kommunikation. Alt Plus. Nichtsende Sprache, die, in sich selbst versunken, über sich selbst hinaus stumpf bleibt. Der Systemabsturz dämmert immer schon am Horizont. Was, wenn es keinen Neustart mehr gibt? Was, wenn die Rettung ausbleibt?

9. Oktober 2015

Heldenplatz

Wer nicht hart zu seinen Helden sein kann, der kann auch nicht hart zu sich selbst sein.

1. Oktober 2015

Zwei Arten

Ich glaube daran, dass es von einem bestimmten Standpunkt aus betrachtet nur zwei Arten von Menschen gibt.
Es gibt jene, die glauben, alles wäre im Grunde ganz einfach und man müsste deshalb jede Schwierigkeit auf eine geeignete Art lösen können. 
Diese Menschen bemühen sich, alles Komplizierte mit einfachen Worten zu erklären. 
Sie sind auch davon überzeugt, dass alles mit einfachen Worten erklärbar ist. 
Sie glauben daran, dass im Grunde alles erklärbar ist. 

Es gibt aber auch solche Menschen, die glauben, alles wäre eigentlich viel komplizierter als bisher angenommen, und deshalb sind manche Lösungen für ein Problem wieder nur der Beginn eines neuen Problems und so fort. 
Solche Menschen bedienen sich komplexer Sätze, um ihre Erkenntnisse klar zu machen. 
Sie klären damit oft überhaupt nichts. 
Aber meistens weisen sie auch darauf hin, dass es für bestimmte Probleme gar keine – oder eben nicht nur eine Lösung gibt. 
Diese Menschen glauben, dass es Dinge gibt, die unerklärbar sind. 

Ich habe mich immer zu der zweiten Art von Menschen gerechnet.

7. September 2015

Mauern

I'm building a wall 
a fine wall 
not so much to keep you out 
more to keep me in

21. August 2015

Ein Traum

Nackt im Teich geschwommen

Hast du schon einmal geträumt, 
Wie du in den Spiegel blicktest: 
Spinnen krabbelten dir über den Bauch, 
Und fast musstest du schreien, als du sie sahst. 
Mit gesenkten Lidern wünschtest du dir herbei 
In einem jener Filme zu sein, 
In denen einer ohne Gesicht, einfach so,
Eine Pistole aus der Manteltasche zerrt, 
Um ganz ohne Gewissen und wie im Schlaf 
Eine Kugel in die blaue Luft zu schlagen. 
Dann bist du wieder ein Kind, 
Spritzt mit Wasser und wirfst mit Schnee. 
Die mahnenden Finger weit am Horizont, 
Nur unbewegliche Felsen, oftmals stumm, 
Können dich kaum daran hindern, zu glauben, 
Für einen Moment Herr zu sein, 
Und in der Lage Menschen in Tiere zu wandeln, 
Nur mit einem schwebenden Blick.

26. Juli 2015

Zusammen

1. Schenke den Menschen ein Lächeln. 
2. Verführe die Menschen zu einem Lachen. 
3. Erzähle von den Dingen, die Dich gerade bewegen. 
4. Lass Dir von anderen Menschen erzählen, was sie gerade bewegt. 
5. Jede Zeit mit einem Menschen ist mehr wert als die doppelte Zeit mit vielen Menschen. 
6. Sei ehrlich. Sei glücklich, wenn Du es bist. Sei traurig, wenn Du es bist. 
7. Sei Deinem Gegenüber ein Geschenk. 
8. Lass Dich beschenken. 
9. Bedanke Dich stets für gemeinsam verbrachte Zeit. 
10. Verleihe jedem Abschied den Beigeschmack einer baldigen Fortsetzung.

14. Juni 2015

Gelungenes Leben

Ein gelungenes Leben: Dreiklang aus Arbeit, Gemeinsamsein und Alleinzeit

12. Juni 2015

4. Mai 2015

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (Teil 2)

All jene Texte, die noch nicht geschrieben sind... 

  • Etwas darüber erzählen, was es bedeutet, vorn zu stehen (ob vor der Schulklasse, vor einer Fußballmannschaft, vor leeren Rängen, vor Studenten, vor Publikum). 
  • Über wütende Menschen schimpfen - und dabei die Lächerlichkeit der Zornigen bloßstellen. 
  • Vom Computerspielen berichten (von größter Simplizität der Automaten über komplexe, filmähnliche Virtualwelten bis hin zurück zur quatschblöden Smartphonedaddelei). 
  • Endlich einmal die kommunikative Unsitte der ... (drei Punkte) anprangern. 
  • Still und heimlich erklären, warum es möglich ist, Fan des FC Bayern München zu sein. 
  • Schnappschüsse aus dem Glutofen der Pubertät machen (schade, vorbei). 
  • Der femme fragile eine Liebeserklärung machen. 
  • Denkmalpflege für die großartige, sensibelste TV-Serie aller Zeiten betreiben: "Six Feet Under" (und dann auch gleich die beispiellose Komplexität von "In Treatment" beschreiben). 
  • Den stillen Aufstieg der Amateurpornographie sezieren (über die Macht der Bilder und die absurde Pointe, dass ausgerechnet die massenhaft ins Netz gestellten Wiederaufführungen der Sexhampeleien dem Medium Porno den Garaus machen). 
  • Meine Lebensbücher in die Vitrine stellen (und "Stoner" ins Rollen bringen). 
  • Gleich noch die Lieblingsalben und Lieblingsfilme wählen (führt zu keinem Ziel, zu viele). 
  • Von der depressiven Logik philosophieren - und beschreiben, wie sie inzwischen die Welt, vielmehr die Menschen im Griff hat.
  • Über das Schreiben schreiben 

30. April 2015

Lebensstufen

In jungen Jahren teilt sich die Welt, grob gesprochen, in Menschen, die schon Sex hatten, und solche, die noch keinen hatten. Später dann in Menschen, die Liebe erlebt haben, und solche, die das noch nicht haben. Noch später - jedenfalls dann, wenn wir Glück haben (oder auch nicht) - teilt sich die Welt in Menschen, die Leid erfahren haben, und solche, die das nicht haben. Diese Einteilungen sind absolut; es sind Wendekreise, die wir überschreiten. 
Julian Barnes - "Lebensstufen"

25. März 2015

Stärker als Worte

Das Bild hat immer das letzte Wort.

15. März 2015

Freiheit der Liebe

Your Love Will Set You Free

12. Januar 2015

Vereint gegen die Angst

Der schockierende Terroranschlag auf die französische Satirezeitung "Charlie Hebdo" und die ergreifende Reaktion der Europäer, solidarisch an der Seite Frankreichs zu stehen, markieren eine historische Zäsur. Vielleicht ist nun endgültig deutlich geworden, dass die Grundprinzipien demokratischer Gesellschaften bedroht sind. Die Aufgabe des Journalismus ist es nun, auch in Zeiten der eigenen Krise Flagge zu zeigen.


Es dauerte nur Minuten, dann hatten die Menschen nach dem ersten Entsetzen über die Bilder des Terrors in Paris eine Antwort gefunden. Sie verbreitete sich zunächst rasant  in der virtuellen Welt, um dann auch auf Plakaten in den Händen der vielen Trauernden zu landen, die nur Stunden nach der Tat auf die Straße gingen: "Je Suis Charlie"

Der 07. Januar 2014 wird in die Geschichte eingehen, nicht weil Frankreich sein 9/11 erlebt hat, wie es nach dem grauenhaften Anschlag auf die bis zu diesem Tag eigentlich nur Franzosen bekannte Satirezeitung "Charlie Habdo" öfter hieß, sondern weil mit abscheulicher Gewalt etwas angegriffen wurde, das für die Menschen nicht einen Moment lang als bedroht angesehen wurde. Ein Brüderpaar, in Frankreich aufgewachsen, von islamistischer Ideologie geblendet, hat mit chirurgischer Präzision fast die gesamte Redaktion einer Zeitung hingerichtet - und damit in einem symbolischen Akt, der gar nicht so schnell verdaut werden kann, wie er von Medien und Politikern aufgegriffen worden ist, die Presse-, ja, sogar die Meinungsfreiheit angegriffen.

Inzwischen sind die Terroristen, nachdem sie mit beispiellosem Aufwand gejagt und liquidiert wurden, tot, und in der französischen Hauptstadt wie im ganzen Land gingen bei einem Trauermarsch Millionen Menschen auf die Straße. Die Bilder von Dutzenden Regierungschefs, die sich einander an den Händen hielten, um Zusammenhalt in der Stunde des Schmerzes zu demonstrieren, werden um die Welt gehen. Vor allem auch deswegen, weil sich darunter Politiker befanden, deren Staaten miteinander nach wie vor im Konflikt stehen. Was für ein starkes Symbol.

Die Grande Nation hat - und das konnten sich die Attentäter in ihren kühnsten destruktiven Träumen nicht ausmalen - mit diesem Angriff auf die Grundfeste ihrer Gesellschaft wieder zueinander gefunden. 

Manche Franzosen werden sagen, dass es bitter nötig war, zu gelangweilt waren unsere Nachbarn von sich selbst, zu zerstritten wirkte die politische Klasse in den letzten Jahren; nicht zuletzt geprügelt von einer darbenden Wirtschaftsentwicklung und hoher Arbeitslosigkeit. 

Die Ereignisse aus dem Herzen Europas sollten aber, nachdem die Trauer verarbeitet worden ist, weder mit dem Entsetzen (und der Angst!) vom 07. Januar und auch nicht mit der durchaus pathetischen Beschwörung von Solidarität und Einigkeit vom 11. Januar analysiert werden. Wenn nicht jetzt, wann sollten die Menschen der westlichen Demokratien dann begreifen, dass die Grundprinzipien ihrer Gesellschaften angegriffen werden, seit einiger Zeit bereits. 

Man sollte realistisch bleiben: Einige von Hasspredigern angetriebene Terroristen werden nicht das Ende des Abendlandes einleiten. Aber der von einer islamistischen Minderheit angeführte Kampf gegen die unübersichtliche und nach Meinungen vieler wohl auch führungslose Hypermoderne sollte Anlass genug sein, politische und gesellschaftliche Veränderungen nun endlich zu erzwingen. 

Wenn man für sie nicht auf einem Stimmzettel wählen kann, dann muss man für sie auf die Straße gehen. Die Zeitenwende hat nicht erst seit dem 11. September oder seit der heftigsten globalen Wirtschaftskrise nach den 1920er-Jahren oder gar mit der Katastrophe von Fukushima begonnen. 

Noch einmal ein Blick auf die unheimliche Symbolik dieses Terrorangriffs: Zwei Attentäter griffen just an dem Tag, da eine neue Ausgabe von "Charlie Hebdo" erschien und den Schriftsteller Michel Houellebecq auf ihrem Cover hatte (dessen neuer, seit Wochen heftig diskutierter, angeblich islamophober Roman "Unterwerfung" ausgerechnet ebenfalls an diesem Tag veröffentlicht wurde) die Redaktion des Satireblatts mit Waffengewalt an, die wiederum nur einmal in der Woche und genau in diesem Moment gemeinsam zusammensaß, um über die nächste Ausgabe zu beraten. Die Gnadenlosigkeit, mit der hier vorgegangen wurde, ist beispiellos. Man muss inständig hoffen, dass sie keine Schule macht - dass sie nun nicht für eine neue Genration von Terroristen zum Vorbild wird.

Ausgerechnet eine französische Zeitung. Ausgerechnet ein satirisches Medium, das für seine Karikaturen im eigenen Land berüchtigt war. Ausgerechnet ein Blatt, das eine Sonderausgabe herausbrachte, die sich spöttisch mit dem unaufgeklärten Islam fanatischer Prägung auseinandersetzte. Ausgerechnet ein Magazin, das die große französische Tradition der Karikatur, der Illustration, des Comics geradezu sinnbildlich verkörperte. 60.000 Exemplare verkaufte "Charlie Hebdo" Woche für Woche, eine Erfolgsdimension, die in Zeiten des digitalen Wandels, der den Printmedien genauso zusetzt wie sinkende Anzeigenpreise, geradezu märchenhaft daherkommt. Die Franzosen lesen noch. Ja, auch in Deutschland verderben sich die Menschen ihre Augen an enggedruckten Buchstaben. Aber es ist kein Geheimnis, dass sich die teuer produzierten Leuchttürme der Aufklärung bald nicht mehr auf dem Niveau halten können, das sie einst zur Speerspitze der Pressefreiheit gemacht haben. 

Und nun diese Attacke auf das Recht, auch mit ätzender Satire auf die Probleme der Welt zu reagieren. Das wird Auswirkungen haben. Zeitungen werden in Zukunft häufiger vorher prüfen, was sie schreiben, was sie zeigen; britische und amerikanische Medien trauen sich nicht einmal jetzt, die
Zeichnungen von "Charlie Hebdo" nachzudrucken.  

Auch hierzulande würden es sich manche Gazetten zweimal überlegen, eine islamkritische Zeichnung auf ihre Titelseite zu heben, wenn sie wüssten, dass sie die einzigen wären. 

Nachwievor befinden sich die Staaten der Europäischen Union in der größten Krise seit ihrer Gründung, weil sich in den Jahren nach der Auflösung der Sowjetunion und erst Recht nach der verhängnisvollen Eurokrise die Machtbalance auf dem Kontinent verschoben hat. Außerdem sind einige eigentlich für selbstverständlich befundene Institutionen und mehr noch viele gemeinschaftsstiftende Werte von einer bisher noch gar nicht verstandenen Bedeutungserosion bedroht. In solchen Zeiten ist ein Terrorismus, der sich gegen einen angeblich amoralischen Kapitalismus richtet (also eine Wirtschaftsform, die Gewinner und Verlierer auch danach bestimmt, einer diffusen Freiheit das Wort zu reden, die jederzeit "alles für alle" verheißt), Gift für Gesellschaften, die ihren Zusammenhalt mit jeder weiteren Finanzkrise, dem Ansteigen der Arbeitslosigkeit, einer beunruhigenden demographischen Entwicklung und einer für die Zukunft prognostizierten und derzeit noch gar nicht einzuschätzenden Zuwanderungsbewegung als gefährdet ansehen müssen. 

Wer will es den Menschen da verdenken, dass sie sich in solchen Zeiten von außergewöhnlichen emotionalen Bewegungen anstecken lassen, ganz gleich ob es sich dabei um den kollektiv befeierten Gewinn eines Sportturniers handelt, um Demonstrationen gegen all das, was fremd und ungewohnt ist oder tragischerweise um den Versuch, mit Gewalt gegen die für bedrohlich empfundenen Zustände vorzugehen. 

Natürlich reagieren deshalb auch die journalistischen Medien nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo" mit drastischer Aufmerksamkeitsfrequenz. - Hier sind Menschen ihres Berufsstands gestorben. Menschen, die nichts anderes taten als das, was ihre Kollegen seit mehreren hundert Jahren tun: mit klarem Geist und kühlem Kopf, am Besten noch mit großem Stilbewusstsein, kritisch in die Welt zu fahren. Dass es einen auf den ersten Blick gemäßigten Bevölkerungsanteil gibt, der mit großem Selbstbewusstsein und gestärkt von den sozialen Medien (die durchaus die narzisstische Selbstbespiegelung der wenigen Verirrten motivieren und sie paradoxerweise einander näher bringen) im Netz tagtäglich über die "Lügenpresse" herzieht und nebenbei ungeschoren andere Menschen diffamiert, ist da nur eine weitere Gefahr. 

Die Meinungsfreiheit ist noch weitaus mehr bedroht, wenn die freie Presse das Vertrauen der Menschen verliert.

Insofern bedeutet der durchaus globale Schulterschluss unter dem mitfühlenden Ausspruch "Je suis Charlie" hoffentlich auch die Verpflichtung des Journalismus, gerade in Zeiten, da es leicht fällt, emotionalen Codes zu folgen, mit Vernunft und analytischer Schärfe entgegenzusteuern.  In der Trauer zusammenzustehen ist wichtig, in Momenten der Krise - wenn die Wunden erneut aufbrechen - einander die Hände zu halten und trotzdem die Wahrheit auszusprechen, ist aber wesentlich bedeutsamer.